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Angelika Neuwirth: Der Koran als Text der Spätantike : Lesarten eines Korans, in dem Europa sich erkennen kann

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Frucht der Forschung und intensiver Erfahrungen mit der islamischen Welt: Die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth verortet den Koran in theologisch aufgeladenen Debatten der Spätantike.

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          Koranforschung war lange Zeit eine Angelegenheit weniger Orientalisten in ihren Studierstuben. Seit den Terroranschlägen des „11. September“ hat sich das geändert. Der Koran hat Konjunktur, auch und gerade bei jenen, die keine Muslime sind, aber verstehen wollen, was der Islam ist, wie er entstand und was er eigentlich lehrt. Der Absatz von Koranübersetzungen steigt, viele Bürger lesen ihn nun in Übersetzungen „aus heiterem Himmel“ und sind ob der Dinge, die sie darin finden, häufig verstört.

          Eine unvorbereitete Lektüre des Korans ist ziemlich problematisch, daraus zu zitieren, ohne Zusammenhänge zu kennen, ebenfalls. Wer das tut, folgt ungewollt der unhinterfragten Lektüre radikaler Muslime, die allein dem Buchstaben folgen wollen, so als sei das Gesagte auch immer (und noch heute) das Gemeinte oder müsse es wenigstens sein. Vertreter der Islamkritik „bedienen“ sich häufig unkritisch diverser Koranverse, doch ebenso die Verherrlicher des Islam, die Islamophilen.

          Die Tradition brach leider abrupt ab

          Auch die professionelle Koranforschung, die lange Zeit in Deutschland ziemlich brachgelegen hatte, hat an Intensität wieder zugenommen. Lange waren Rudi Parets Koranübersetzung mit Konkordanz aus den sechziger Jahren, dazu die Arbeiten dieses Gelehrten über Muhammad und seine Welt so etwas wie das vorläufig letzte Wort gewesen. Doch die aktuellen, von Terrorismus und Kriegen mitgeprägten politischen Ereignisse haben auch die Aufmerksamkeit der Wissenschaft wieder stärker auf Inhalt wie Entstehungsgeschichte des Korans gelenkt.

          Deutschland kann da an eine Tradition anknüpfen, die im 19. Jahrhundert und vor dem Ersten Weltkrieg entstanden war, dann aber leider abrupt abbrach: Gelehrte wie Abraham Geiger, Theodor Nöldeke, Friedrich Schwally, Karl Wollers, Julius Wellhausen und andere hatten sich philologisch und theologisch in den Korantext und seine sprachlichen, religionsgeschichtlichen und theologischen Schichten verbissen.

          Der Koran als das „ganz andere“

          Angelika Neuwirth, Religionswissenschaftlerin und Arabistin aus Berlin, kennt den Koran nicht nur durch ihre intensiven Forschungen, sondern auch die Muslime und ihre aus dem Koran gespeiste Lebenswelt aus eigener Anschauung, sprich deren koranische Orthopraxie. Viele Jahre hat sie selbst unter Muslimen verbracht, unter anderem als Direktorin des Orientinstituts der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Beirut. Und sie leitet das Projekt Corpus Coranicum.

          Auf mehr als achthundert Seiten versucht die Forscherin in ihrem neuen Buch über den „Koran als Text der Spätantike“ auch einen neuen Zugang zum heiligen Buch der Muslime zu finden. Europäer lesen es, zumal als Christen, natürlich vor allem als die Gründungsurkunde einer konkurrierenden Religion, des Islam, die beansprucht, die religiösen Lehren von Judentum und Christentum zu verbessern und zu vollenden - vielleicht „aufzuheben“ im Sinne Hegels. Nicht allein der Islam, sondern erst recht der Koran erscheint da als das „ganz andere“, Fremde und - nicht zuletzt unter dem Einfluss des Terrorismus und fundamentalistischer Auslegungen - Bedrohliche. Dagegen sucht die Autorin auch inhaltlich einen „europäischen Zugang“ zu diesem schwierigen Buch, dessen 114 Suren alleine der Länge nach aneinandergereiht sind.

          Christliche Strophenlieder

          Sie gibt einen Überblick über Geschichte und Stand der (westlichen) Koranforschung. Dem affirmativen, traditionellen Verständnis der Muslime, die lineare, auf wenige Jahre komprimierte Entstehungsgeschichte des Koran eingeschlossen, haben westliche Koranforscher zum Teil erheblich abweichende Deutungen und Variationen entgegengesetzt. Die angelsächsischen „Revisionisten“ der Koranforschung (John Wansbrough, Patricia Crone, Michael Cook) kamen zu dem Ergebnis, in seiner vollständigen Gestalt habe der Koran erst etwa zweihundert Jahre nach dem Propheten vorgelegen, und er sei auch nicht im Hedschas, der Heimat Mohammeds, entstanden, sondern in Mesopotamien (Irak) oder in Palästina.

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