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Ratgeber „Auf einmal zwei“ : Ansichten vom Zwillingsboom

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Auch nur eine Variante des ganz normalen Wahnsinns: Mehrlingsschwangerschaften liegen im Trend, wie Angela Grigelat in ihrem spannenden Ratgeber festhält.

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          Für das Leben mit Zwillingen gab es wohl, wie für ein Leben mit Kindern allgemein, schon bessere Zeiten. Die Umstände für das Empfangen, Austragen und Gebären von Zwillingen aber waren vermutlich - in einer Industrienation wie Deutschland - noch nie so günstig wie heute. Auf einige Unannehmlichkeiten, die die moderne Geburtsmedizin zumal für die werdende Zwillingsmutter mit sich bringt, werden wir noch zu sprechen kommen. Zunächst aber sei festgehalten: Noch nie waren die Risiken einer Zwillingsschwangerschaft für Mutter und Kinder so relativ beherrschbar, nie kamen trotz sinkender Geburtenraten mehr Zwillinge zur Welt, keine Gesellschaft stand dieser "Laune der Natur" wohlwollender gegenüber als unsere. Zwillinge zu bekommen ist einfach "in", und die Chancen dafür stehen besser denn je.

          Obwohl es also dank der heutigen Reproduktionsmedizin und einiger anderer Faktoren nicht übertrieben ist, von einem "Zwillingsboom" zu sprechen, scheint bisher noch kein entsprechendes Handbuch verfügbar gewesen zu sein, das Eltern auf ihre besondere Aufgabe angemessen hätte vorbereiten können. Der Münchner Psychologin Angela Grigelat ist nun auf bemerkenswerte Weise gelungen, diese Lücke zu füllen. Sie hat ein wissenschaftlich zuverlässiges Buch geschrieben, das Eltern, und keinesfalls nur solche von Zwillingen, dort abholt, wo sie mit ihren widersprüchlichen Informationen, ihren Wünschen und Ängsten jeweils stehen mögen.

          Einen Ratgeber im besten Sinne, der einerseits Fakten zusammenträgt, die man gerne einmal verständlich und am Stück präsentiert bekommen möchte, der andererseits einfach sehr spannend zu lesen ist, weil hier eine sensible und reflektierte Autorin ihr eigenes Zwillingselterndasein in die Waagschale wirft, mit dem Gewicht starker Präferenzen, etwa in bestimmten Erziehungsfragen, und doch insgesamt tastend, zurückhaltend, wo das Lebens- und Selbstgefühl der Beteiligten, insbesondere der Zwillinge, betroffen sind.

          Zu den Vorteilen des modernen Weltbilds gehört sicherlich, dass Zwillingsgeburten nicht mehr als Folge übernatürlicher Kräfte angesehen werden. Denn dies hatte für Mutter und Babys in aller Regel schlimme Konsequenzen. Ihre vermeintlich göttliche, dämonische oder gar tierische Herkunft verurteilte die zeitgleich geborenen Kinder und ihre Mutter oft zu Verbannung, manchmal gleich zum Tod. Zu den Kuriositäten des modernen Weltbilds wiederum zählt, dass es manche mythologische Erklärung für das seltene Ereignis teilweise rehabilitieren musste. Zwar sieht sich heute nicht mehr jede Frau, die Zwillinge zur Welt bringt, wie in der Antike dem Vorwurf der Untreue ausgesetzt. Bei zweieiigen Zwillingen aber ist man auf ein Phänomen gestoßen, das die doppelte Vaterschaft keineswegs ausschließt: Jede zwölfte zweieiige Schwangerschaft, so wird geschätzt, entsteht durch "Superfekundation", durch Befruchtung zweier Eizellen zu unterschiedlichen Zeitpunkten innerhalb eines Zyklus'.

          Noch phantastischer allerdings klingt die Vermutung, dass sich bei jeder vierhundertsten zweieiigen Schwangerschaft die von unterschiedlichen Vätern befruchteten Eier nebeneinander in der Gebärmutter einnisten könnten. Die antike Welt, so darf man heute formulieren, verallgemeinerte also zu Unrecht den äußerst seltenen Fall einer sogenannten "heteropaternalen Superfekundation".

          Ob eine Zwillingsgravidität auf diesem ungewöhnlichen Weg zustande kam, lässt sich aber - mit Ausnahme der doppelten Vaterschaft natürlich - nicht nachweisen. Und es hat für den weiteren Verlauf der Schwangerschaft keinerlei Bedeutung. Auch die "Zygosität" oder "Eiigkeit" der Feten, ob diese durch die Befruchtung von zwei verschiedenen Eizellen oder durch nachträgliche Teilung einer einzigen befruchteten Eizelle entstanden sind, muss für das Gesundheitsrisiko von Mutter und Kindern nicht unbedingt eine Rolle spielen. Was Frauenärzte und Geburtshelfer allerdings interessiert, sind Lage und Anzahl der die Zwillingsfeten versorgenden Plazenten - wobei es für die Versorgung des einzelnen Zwillings immer günstiger ist, eine eigene Plazenta zu besitzen - und vor allem die Art der "Membranstrukturen, von denen die Kinder im Uterus umgeben sind". Die Zygosität der Zwillinge ist hier insofern wieder relevant, als Zweieiige von vornherein aus dem Schneider sind: Ihnen stehen immer eigene Plazenten, Fruchthöhlen und Eihäute zur Verfügung. Sollten sich eineiige Zwillinge hingegen so spät getrennt haben, dass sie nicht nur Mutterkuchen und äußere Eihaut, das sogenannte "Chorion", sondern auch die innere Eihaut, das "Amnion", miteinander teilen, nämlich erst nach dem siebten bis neunten Tag, dann sind ernsthafte Komplikationen überaus wahrscheinlich.

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