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Andrew Wallace-Hadrill: „Herculaneum“ : Der zornige Archäologe kennt die Akten

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Bild: verlag

Begraben unter der Asche des Vesuvs - und Pompeji ebenbürtig: Andrew Wallace-Hadrill weiß alles über die Ausgrabung des antiken Herculaneum.

          5 Min.

          Wie hat der Schreiner das vor zweitausend Jahren geschafft? Diese exakten Linien, ausgewogenen Abstufungen, delikaten Übergänge? Diese hölzerne Kassette, gefunden im antiken Herculaneum am Fuß des Vesuv, ist ein Wunder. Ausgebleichtes Blau und Gold und das verwischte Faunsgesicht in der Mitte verraten ihr Alter. Doch dass sie fast unversehrt eine verheerende Katastrophe überstanden hat, zeigt erst der Blick auf die ganze Fotografie: Sie liegt inmitten zersplitterter Balken, geborstener Steine, zermahlenen Mörtels und spitz starrender Holzfasern, die vielleicht Teile jener Kassettendecke sind, zu der das Einzelstück gehörte.

          So also sieht das Chaos aus, das der Vesuvausbruch 79 nach Christus in der Küstenstadt Herculaneum anrichtete. Eine glutheiße Lawine aus Schlamm, Asche und Geröll, durchmischt mit Mauern, Säulen, Balken, Dachziegeln, Statuen, Hausrat und Krimskrams raste nachts über die Stadt, drang in alle Ritzen, kühlte ab, erhärtete.

          Die Verschüttungsmasse birgt Kostbarkeiten

          Was der heutige Besucher als weichen Tuffstein wahrnimmt, aus dem man Ruinen schält, ist tatsächlich ein grausiger Cocktail aus Vulkanmasse - und Herculaneum selbst. Nicht auszudenken, was die ersten Ausgräber im achtzehnten Jahrhundert, die mit Spitzhacken Tunnel gruben, alles vernichteten. Nur Wände und kompakte Gegenstände widerstanden ihrem rabiaten Vorgehen. Heute werden selbst winzige Stoffreste, Obstkerne oder Pollen geborgen und klassifiziert - so wie jene Deckenkassette, die man 2009 am einstigen Strand barg.

          Jeder Korb Verschüttungsmasse kann Kostbarkeiten bergen, die neues Licht auf Pompejis Schwesterstadt werfen, von der man eigentlich nur weiß, dass sie sich auf Herakles als Stadtgründer berief, jahrhundertelang Küstenfort und Seehafen war, bis sie unter Augustus zur Kurstadt des römischen Adels aufstieg. Die Beschreibung der neuen Funde ist eine von vielen Überraschungen, die Andrew Wallace-Hadrill bietet. Eine andere: Seit kurzem weiß man, dass schon im Mittelalter - bisher galt 1710 als Jahr der Wiederentdeckung - Raubgräber durch die dreißig Meter dicke Verschüttung in die antike Stadt vorzudringen versuchten. Das bewiesen 2009 Funde in den Tunneln, die bisher als sämtlich dem achtzehnten Jahrhundert zugehörig galten. Die Nachgrabung ist Teil einer neuen Kampagne zur Erkundung der noch immer begrabenen „Basilica Noniana“ sowie des Strands zu Füßen der 1730 entdeckten „Villa dei Papiri“, die erst 1996 partiell - etwa ein Achtel des palastartigen Anwesens - freigelegt wurde.

          Archäologische Hast und Entdeckergier

          Die Freude über neue Entdeckungen - eine Amazonen-Büste und Inschriftentafeln in der Basilica, der Dreifuß am Strand - ist nicht ungetrübt. Denn es stellte sich heraus, dass die Grabung von 1996, bei der auch weitere Küsten-Villen samt einer Thermenanlage zutage traten, massive Zerstörungen bewirkte: Die Neufunde grub man exakt dort aus, wo zwischen 1996 und 2006 tonnenschwere Bagger und Planierraupen zur Freilegung der Papirivilla im Einsatz gewesen waren.

          Bei Wallace-Hadrill ist zu erfahren, dass dies nur einer von vielen Schadensfällen ist, hervorgerufen von Unachtsamkeit und Entdeckergier, vor allem aber von der notgedrungenen Hast der Archäologen, denen der launische italienische Staat (oder die Camorra) jederzeit den Geldhahn zudrehen kann. Was Wunder, dass der Autor, in England und Amerika berühmt als „der zornige Archäologe“, das Lob des Mäzenatentums singt: Breiten Raum widmet er dem „Herculaneum Conservation Project“, das im Jahr 2000 von David W. Packard gegründet wurde und seit 2004 jährlich Millionen Euro in die antike Stätte investiert. Seither wird dort planmäßig untersucht und restauriert. Die Achillesferse des Ganzen: „Internationale Hilfe kann nur greifen, wenn sie lokal erwünscht ist.“ Und derzeit sehen viele Ansässige internationale Hilfe als unstatthafte Einmischung.

          Herculaneum litt unter Bradyseismus

          Gleichviel: Für die Welterbestätte Herculaneum bedeutet Packard Rettung in letzter Sekunde und die Aussicht auf den längst verdienten Ruhm als Zeugnis einer der höchsten Stufen, die unsere Zivilisation und Kultur je erreichte. Als ein Beispiel dafür nennt Wallace-Hadrill das 1936 entdeckte „Haus mit dem Telephosrelief“, eine Patrizierresidenz, die sich, gestützt von der Stadtmauer, auf dem steilen Küstenfelsen Herculaneums erhebt und einst einen atemberaubenden Blick auf den Golf von Neapel geboten haben muss. Am Westrand, wo der Fels landeinwärts zurückweicht, ließen die Besitzer einen monumentalen, turmartigen Anbau aufführen; ein spielerisch luxuriöser Verweis auf Herculaneums Vergangenheit als Festung (Municipium). Im Inneren dieses „Turms“ fanden die Archäologen Salons mit raffiniert ornamentierten Marmorböden und -wänden; die Kaiserpaläste des Palatin in Rom dürften kaum kostbarer ausgestaltet gewesen sein.

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