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Andrew Ross Sorkins „Die Unfehlbaren“ : Überlebenskämpfe an der Wall Street

Bild: Verlag

Ein Politthriller erster Güte, doch gar nicht fiktiv: Ross Sorkin hat eines der wichtigsten Bücher über die Finanzkrise und ihre Akteure geschrieben.

          Die Frage klingt banal und ist trotzdem schwer zu beantworten: Wie geht man eigentlich damit um, etwas Furchtbares zu wissen, das überdies all jenen schwer begreiflich zu machen ist, die am stärksten betroffen sind? Jamie Dimon war wahrscheinlich wirklich mulmig zumute, als er am 12. September des Jahres 2008 nach Hause zurückkehrte zu seiner Familie, die schon auf ihn wartete, weil die Eltern des Freundes seiner Tochter zum gegenseitigen Kennenlernen gekommen waren. Konnte Dimon, Chef der amerikanischen Bank J.P. Morgan, tatsächlich einfach zur Abendordnung übergehen und darüber hinwegreden, dass er gerade mit den wichtigsten Wall-Street-Bankenchefs, mit dem amerikanischen Finanzminister und mit dem Notenbankchef zusammengesessen und sich erklären hatte lassen, dass wahrscheinlich eines der wichtigsten Finanzhäuser pleitegeht und das Finanzsystem selbst auf der Kippe stehen könnte?

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Mit seinem Buch „Die Unfehlbaren“ legt der amerikanische Journalist Andrew Ross Sorkin, der für die New York Times schreibt und den zur selben Zeitung gehörenden Finanzmarktblog „Dealbook“ verantwortet, die womöglich ausführlichste Chronik der dramatischsten Phase der Finanzkrise zwischen Frühjahr und Herbst 2008 vor: Während dieser Zeit wäre zunächst die amerikanische Investmentbank Bear Stearns beinahe bankrottgegangen, ihre bedeutendere Wettbewerberin Lehman Brothers ereilte tatsächlich dieses Schicksal, und schließlich rief die amerikanische Regierung ein gigantisches Programm ins Leben, um den Finanzsektor insgesamt zu retten.

          Der Weg in die Spitzenpositionen

          Sorkins Buch, das diese Ereignisse sehr detailliert darstellt, ist ein Politthriller erster Güte. Deshalb wäre es sogar dann empfehlenswert, wenn er seinen Inhalt erfunden hätte. Darsteller des Buches sind alle diejenigen, die in der amerikanischen Hochfinanz Rang und Namen haben. Darunter beispielsweise die mächtigen Bankenchefs Lloyd Blankfein (Goldman Sachs) und Jamie Dimon (J.P. Morgan), die beide noch heute amtieren, aber auch Kenneth Lewis, der ehemalige Vorstandschef der Bank of America, John Mack, der einmal der Chef der Investmentbank Morgan Stanley war, und Bob Diamond, der die Investmentbank des britischen Finanzinstituts Barclays führt. Darunter sind schließlich Hank Paulson, der unter George Bush junior Finanzminister wurde und zuvor Goldman Sachs führte, Ben Bernanke, der Chef der amerikanischen Notenbank, und Tim Geithner, der zu jener Zeit die Notenbank von New York leitete und unter Barack Obama amerikanischer Finanzminister wurde - und in dieser Position auf Paulson folgte. Wer das Buch liest, erfährt über sie alle nicht nur, wie sie in der Krise gehandelt haben, sondern auch, auf welchem Weg sie in ihre Spitzenpositionen gelangten.

          Die dramatische Hauptfigur heißt indes Richard Fuld. Dessen Aufstieg und Niedergang schildert Sorkin ebenfalls, und er muss das auch tun, um die tragische Dimension der Krise anschaulich zu machen. Jacob Schwab, Fulds Großvater mütterlicherseits, war es demnach gewesen, der den jungen Richard Fuld mit seinem späteren Arbeitgeber Lehman Brothers zusammenbrachte, als er ihm für den Sommer des Jahres 1966 einen Teilzeitjob in einer Außenstelle der Bank besorgte. Fuld erledigte damals vornehmlich Botengänge. Nachdem er drei Jahre später das College abgeschlossen hatte, bekam er ein Praktikum bei Lehman, diesmal in einem Handelsraum in der Zentrale, im Herzen der Wall Street.

          Vehemenz des Machtverlusts

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