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Andreas Sohn: Von der Residenz zur Hauptstadt : Es musste auch ohne Ritter gehen

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Man stelle sich vor, es gäbe eine europäische Hauptstadt. Eine Kapitale, welche die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Energien des Kontinents bündelt und zum wirklichen Impulsgeber wird, eine Metropole, die überhaupt eine Vorstellung davon vermittelt, was Europa sei - durch einprägsame Bauwerke, funktionierende Institutionen, markante Persönlichkeiten, Lebensart und Weltläufigkeit.

          Wie heute die Europäer, so hatten lange auch die Deutschen große Schwierigkeiten, eine Mitte zu finden. Mehr als anderswo fühlen sich hierzulande die Historiker angespornt, das Phänomen der Residenzbildung und der Hauptstadtwerdung zu erforschen, weil es einen wunden Punkt der eigenen Geschichte betrifft. Federführend behandelt die Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen dieses Thema.

          Seit 1990 ist Werner Paravicini der Vorsitzende dieser Kommission, gleichzeitig war er mehrere Jahre Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Paris. Die Stadt an der Seine mutet ja für viele als das Musterbild einer europäischen Hauptstadt an. Die deutschen Residenzforscher zieht es immer wieder dort hin - so auch Andreas Sohn, der seit 2001 an der Universität XIII Geschichte lehrt. Paravicini ermutigte Sohn dazu, seine Einzeluntersuchungen über das mittelalterliche Paris in einem Buch zusammenzufassen und zu erklären, wie das eigentlich ging, aus Paris eine Hauptstadt zu machen.

          Nach langem Hin und Her

          Sohn führt vor Augen, dass es auch Paris nicht leicht hatte, sich als königliche Residenz und Kapitale durchzusetzen. Immerhin bevorzugte schon Chlodwig I. von 508 an Paris als Residenz. Doch als die Merowinger von den Karolingern als Könige abgelöst wurden, sank der Stern von Paris wieder. Die Karolinger hatten ihr Stammgebiet zwischen Maas und Mosel und bevorzugten Metz als königliche Pfalz, bis Karl der Große von 794 an Aachen als führende Residenz des Frankenreiches ausbauen ließ. Nach der Teilung des Reiches 843 residierten die westfränkischen Karolinger häufig in Compiègne, achtzig Kilometer nordöstlich von Paris. Dann folgten 987 den Karolingern die Capetinger auf dem Thron und förderten zuerst Orléans als bevorzugten Ort, hundert Kilometer südwestlich von Paris - bis endlich, nach langem Hin und Her, seit der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts doch wieder Paris in den Fokus rückte.

          Der Herzog der Normandie, der seit 1066 zugleich König von England war, trug sein Scherflein dazu bei, dass der König von Frankreich wieder mehr Gefallen an Paris fand. Formell war der Herzog der Normandie ein Vasall des Königs von Frankreich, doch ließ er sich als gleichzeitiger König von England von diesem nichts sagen. Es kam zu ständigen Querelen zwischen den beiden. Die französische Krondomäne, die sich vorläufig als schmaler Schlauch von Nordosten nach Südwesten zog: von Compiègne über Paris nach Orléans, grenzte nach Westen hin an die Normandie an. Die mittlere Position von Paris schien am besten dafür geeignet zu sein, um den Herzog der Normandie in Schach zu halten.

          Eine umsichtige Darlegung der Fakten

          Doch der Positionswechsel allein, die Verlagerung der Macht von Orléans nach Paris, hätte dem französischen König noch nicht viel genutzt. Die fortwährenden Scharmützel mit dem Herzog der Normandie und König von England waren teuer. Der Herzog-König verfügte über größere finanzielle Ressourcen als der Herrscher von Frankreich, dem es gelingen musste, in seiner Krondomäne mehr Erträge zu erwirtschaften als bislang.

          Aber wie macht man das? Das französische Königshaus konnte nach und nach die fehdefreudigen Barone der Krondomäne entmachten und das Land befrieden, was der Landwirtschaft und dem Handel zugutekam, gerade unter König Ludwig VI., der von 1108 bis 1137 regierte. Er war zuvor in der Klosterschule von Saint-Denis erzogen worden, ein paar Kilometer nördlich von Paris. Ludwig wuchs dort gemeinsam mit Suger auf, der seinerseits Mönch wurde, bald auch der Berater von Ludwig VI. und von 1122 an Abt des Klosters. Die Zähmung der Barone gelang nicht zuletzt durch Sugers Wirken.

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