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Andreas Petersen: Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren : Von einem der auszog, Sowjetdeutschland zu errichten

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Bild: Verlag

Lebensbericht eines Hundertjährigen: Erwin Jöris war als Kommunist im Widerstand gegen die Nationalsozialisten, aber erst in Russland ging er durch alle Höllen.

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          Die Fülle des Erlebten ist so überwältigend, dass hier nur ein sehr kleiner Teil vorgestellt werden kann, vornehmlich das, was sonst weniger zur Sprache kommt. Denn Erwin Jöris hat das exemplarische Leben eines nichtjüdischen Mitteleuropäers geführt, der durch alle Höllen gegangen war, die das zwanzigste Jahrhundert für ihn bereithielt.

          In den frühen dreißiger Jahren im Osten Berlins ist es für Jöris und seine Brüder selbstverständlich, in den Kommunistischen Jugendverband einzutreten. Marx, Engels, Lenin sind dazu nicht nötig, die Verhältnisse und die Altersgefährten lassen kaum etwas anderes denkbar erscheinen. Jöris hat einige Funktionen, die politische Schulung betrifft Aktuelles, die Sowjetunion ist Vorbild, das Reich der Freiheit, wo man seine Ketten verliert und wo jeder alles zu kaufen bekommt, das Ziel ist Sowjetdeutschland.

          Sozialdemokratie als Feind

          Die Feinde sind die Sozialdemokraten als die angeblichen Verräter, und die Faschisten. Es ist die Zeit der bewaffneten Straßenkämpfe mit Gewalttaten, Überfällen und Toten auf beiden Seiten. Und es ist die Zeit eines Ausläufers der Jugendbewegung. Auch der Kommunistische Jugendverband unternimmt Fahrten und Ausflüge mit dem Rad, in die schöne Landschaft südöstlich von Berlin; Baden in Seen und Flüssen, Zeltlager. Berlins Westen ist unbekannt, und der weiß nichts vom Osten.

          Nach Hitlers Machtergreifung kommt es zu massenhaften Übertritten zur SA, aber Jöris taucht unter, wird verhaftet, landet im KZ Sonnenburg in der Neumark, ein früheres Gefängnis, mit schikanös scharfer Disziplin. Bei der Entlassung muss er unterschreiben, nicht mehr staatsfeindlich tätig zu werden. Er tut das Gegenteil und geht wieder in den Untergrund.

          Mit falschen Papieren erreicht er die UdSSR, zur Ausbildung als Komintern-Agent in Deutschland. Die erste Station ist das berühmte Moskauer Komintern-Hotel Lux in der damaligen Gorkistraße, bewohnt auch von der Komintern-Prominenz. Die ideologische Schulung besteht großenteils im Nachbeten von Varianten der Generallinie, wobei die Sozialdemokratie immer noch den Hauptfeind darstellt.

          Verelendung des Proletariats

          Strengste Konspiration: Man darf nicht wissen, wer die anderen sind; und es gibt einen strengen Verweis, wenn man einmal auf eigene Faust in die Stadt geht - kein Wunder, denn dort kann man sehen, wie ein Brotladen von einem Soldaten bewacht werden muss. Das Haus ist verwahrlost, man lebt zusammengepfercht in viel zu kleinen Zimmern, es gibt Ratten in jedem Stockwerk. So hatte Erwin Jöris sich das Reich der Freiheit und des Überflusses nicht vorgestellt. Schließlich ein strenges Verhör durch eine Kommission, wobei die Unterschrift bei der Entlassung aus Sonnenburg als Verrat gewertet wird.

          Weil Jöris auch sonst Zeichen von mangelndem Kadavergehorsam zeigt, soll er sich zunächst bewähren und wird in die Maschinenfabrik „Uralmasch“ in Swerdlowsk geschickt. Die tagelange Fahrt vierter Klasse bestätigt alle bisherigen Erfahrungen vom Gegenteil der Sowjetpropaganda in Deutschland. Im „Uralmasch“ und in der Musterstadt Swerdlowsk, im Bauhausstil gebaut, empfindet Jöris wirklich jene nachrevolutionäre Aufbruchstimmung, von der man selten so glaubhaft lesen kann. Fast gibt es eine Art Freiheit, Jöris bekommt erstmals ein Einzelzimmer und schließt Freundschaft mit Ausländern und Russen, so lernt er Russisch.

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