https://www.faz.net/-gr3-74b4s

Andreas Petersen: Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren : Von einem der auszog, Sowjetdeutschland zu errichten

  • Aktualisiert am

Viele Deutsche sind keine Parteileute, sondern Facharbeiter, die die an Sowjetrussland gelieferten Maschinen bedienen und die Einheimischen ausbilden. Das Parteileben vernachlässigt Jöris nicht, er nimmt an allen Versammlungen teil, übernimmt Posten, hält donnernde Vorträge über die wachsende Verelendung des Proletariats in Deutschland.

Psychopathischer Rausch

1935 beginnen die Verfolgungen. Die Vokabeln „Schädling“ und „entlarven“ haben Konjunktur. Was innerhalb der Familien erzählt wird, hörte sich bedeutend anders an als die Propaganda. Auch die Neuankömmlinge aus Deutschland könnnen nichts von dem berichten, was er verkündet. Die psychopathischen Massenverfolgungen der dreißiger Jahre greifen allmählich auch auf das „Uralmasch“ über, die persönlichen Beziehungen brechen ab.

Man wagt nicht mehr, miteinander zu sprechen. Schließlich werden alle Deutschen unter den Verdacht der Sabotage gestellt. Jöris wird isoliert, fährt dennoch mehrfach nach Moskau, zunächst mit der Absicht, sich zu rechtfertigen. Stattdessen: Ausschluss aus der Komintern. Sein Abstieg beginnt, schmutzig und ohne Bleibe schläft er in Wartesälen und auf Parkbänken, in Swerdlowsk, Moskau und anderswo, immer auf der Flucht.

Er wird gefasst, kommt in die Lubjanka mitten in Moskau, Sitz der sowjetischen Geheimpolizei, Untersuchungshaftanstalt mit Verhör- und Folterzellen, Hinrichtungsstätten. Verhöre, absurde Anschuldigungen, „trotzko-faschistisches Zentrum“, alles im psychopathischen Rausch der Massenverfolgungen. Nach sieben Monaten Abschiebung nach Deutschland, einiges verschweigt er dort. Der Vater, der eine kleine Kohlenhandlung hat, gibt ihm Arbeit. Bei Kriegsausbruch wird er eingezogen, bis Kriegsende kämpft er als Soldat an West- und Ostfront.

Ein gewöhnlicher Rentner

Sein Biograph Andreas Petersen glaubt ihm nicht recht, dass er von den Massenerschießungen von Juden im Osten nichts gemerkt habe - aber Jöris ist damit in der Gesellschaft von Rudolf Augstein und Helmut Schmidt. Das Chaos des Rückzugs mit den Gewalttaten auf allen Seiten erlebt er in dessen ganzer Entsetzlichkeit. Immerhin trifft er bei der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft ein paar gutmütige Rotarmisten, die ihn fragen: „Na, hast du ausgekämpft?“

In Berlin tritt er aus Traditionsempfinden trotz allem in die KPD ein, aber auf sowjetischer Seite wird in den Akten gewühlt, man findet alles, einschließlich der seinerzeitigen Unterschrift. Daher kommt er zuerst ins Lager Hohenschönhausen, wird dann zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt und ins Lager Workuta deportiert. Es werden nur einige Jahre, auch die übersteht er, auch anderen helfend, wie alles sonst auch. Einige Zeit nach dem Adenauerbesuch in Moskau 1955 wird er entlassen. In Berlin raffen er und seine Frau ein paar Sachen zusammen, fahren mit der S-Bahn nach West-Berlin, weiter nach Köln. Und dort? Gewöhnliche Arbeit, achtzehn Jahre lang, gewöhnlicher Rentner.

Das Buch liest sich - seltsam genug - gut, weil viele Bemerkungen von Jöris eingestreut sind und weil von Besuchen an früheren Lebensstationen in Berlin und Moskau erzählt wird. Anfang Oktober 2012 feierte Erwin Jöris seinen hundertsten Geburtstag.

Weitere Themen

Topmeldungen

Beliebter denn je: Eintracht Frankfurt hat derzeit viele Rekorde zu vermelden.

Eintracht Frankfurt : „Das ist eine irre Entwicklung“

Mitgliederrekorde, Umsatzrekorde, Beliebtheitsrekorde: Die Frankfurter Eintracht wächst über sich hinaus. Sie sieht sich als zweitbeliebtesten Bundesligaklub bei jungen Menschen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.