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Andreas Möller: Das grüne Gewissen : Traktat vom Lifestyle der grünen Philister

  • -Aktualisiert am

Bild: Carl Hanser Verlag

Wie sähe ein Bioladen aus, der Ernst machte? Der Historiker Andreas Möller wirft der Generation Landlust ihren fatalen Hang zu einer Wohlfühlnatur und ihren Überlegenheitsdünkel vor.

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          Das grüne Gewissen gehört heute zum Lebensgefühl der Besserverdienenden - und liegt im Gewand von Technikkritik und Zukunftsangst bleischwer über der Republik. Die Umweltbewegung war der unfreiwillige Wegbereiter eines Lebensgefühls, das durch die Illusion der Risikovermeidung, der Planbarkeit des Guten und der Unbedingtheit der eigenen Weltsicht geprägt ist, konstatiert der Technikhistoriker Andreas Möller. Damit hafte ihr etwas „Biedermeierliches, ja Philiströses“ an. Der Autor belegt seine Diagnose auf einer Reise durch die Republik zu den Befindlichkeiten der „Generation Landlust“, ihren Illusionen und den Inkonsistenzen ihrer Naturbegeisterung. Er spricht mit Kraftwerks- und Biomarktbetreibern, mit Ärzten und Umweltforschern, zitiert Fontane, Simmel und Karl den Käfer.

          Bis in die sechziger Jahre war Technikkritik die Domäne konservativer Kreise. Heute ist „Bio“ demokratisch, technikfeindlich, bürgernah und regional. Wer im Bioladen einkauft, ist gegen Globalisierung und technische Großprojekte, fliegt klimaneutral in den Urlaub, achtet auf ausreichend Bewegung und fühlt sich gut dabei. Städter wehren sich mit den Mitteln des Landes gegen die Stadt, konstatiert Möller. Doch wenn sie von Natur sprechen, meinen sie nicht die unberührte Wildnis, sie meinen die menschengemachte und vor allem die für den Menschen in aller Regel ungefährliche Kulturlandschaft, wie sie für Mitteleuropa typisch ist: „Die Mehrheit der Menschen erfährt ,Natur’ vor allem medial vermittelt und als Freizeitvergnügen - kaum noch als notwendige Lebensgrundlage.“ Von Protesten der Wutbürger über den Trend zur Hausgeburt bis zur Erdbeerernte als Familienereignis hätten sich die Städter das Bild einer Natur als harmonischer Wohlfühlkulisse zurechtgelegt, die Natur ist gut, die Technik der Hort des Bösen.

          Möller setzt Bilder aus der eigenen in der Natur verbrachten Jugend dagegen - das verendete Reh mit den ausgehackten Augen, die nach erfolgreicher Angeltour geschlachteten Fische, der Bulle, an dessen dickem Schädel das Bolzenschussgerät scheiterte. Und Bilder aus der Gegenwart: die Kernbrennstäbe im Spaltbecken des Kernkraftwerks Rheinsberg, Krebserkrankungen und Masernepidemien. Darwin fand die Natur geprägt von „viehischer Grausamkeit“. Aus der Wohlfühlnatur hingegen sind Gewalt, Tod und Siechtum verschwunden.

          Eine Hausgeburt ist eben kleidsam

          Diese Idealisierung ist nur möglich, weil wir uns die Natur mit technischen Mitteln weit vom Leib halten können, so Möller. Die medizinische Versorgung und die Nahrungsmittelsicherheit sind so gut wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. So gut, dass wir bisweilen meinen, die Gefahren der Natur nicht mehr ernst nehmen zu müssen und auf regelmäßige Impfungen oder Ultraschalluntersuchungen vor der Geburt verzichten zu können. Gegen welchen Fortschritt und für welche Natur sind wir eigentlich, fragt Möller mit Blick auf die Lebensgeschichte einer Vorfahrin, die sechzehn Kinder zur Welt bringt, von denen nur die Hälfte das Erwachsenenalter erreicht, und die selbst im Alter von fünfzig Jahren stirbt.

          Und er zitiert eine Ärztin mit den Worten, den Patientinnen, die immer häufiger ihren Rat ablehnten, gehe es in ihrem Streben nach Natürlichkeit gar nicht um eine gewachsene Überzeugung, sondern um Lifestyle. Eine Hausgeburt sei eben kleidsam. Es ist Hybris, zu glauben, es gäbe ein Zurück zur Natur, schließt Möller. Denn die Menschen seien weniger denn je bereit, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu tragen. Wie sähe etwa ein Bioladen aus, der mit seinem Anspruch Ernst machte und wirklich nur regionale Produkte anböte und nur wenn sie gerade Saison haben? Bei dem es keine Kartoffeln gäbe, wenn in der Nachbarschaft die Krautfäule umgeht, und keine Erdbeeren, wenn der Frühling zu kalt war? Wir würden uns wundern. Tatsächlich bekommt der Kunde auch im Bioladen jederzeit, was er begeht, von den Birnen aus Patagonien bis zur Tiefkühlpizza. Kaum jemand sei ernsthaft bereit, die Ideologie des Verzichts und des Regionalen auch zu leben.

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