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Neue Dostojewskij-Biographie : Schuld und Shitstorm

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Die Zerrissenheit seiner Figuren haben zu seiner Zeit nicht alle geschätzt: Dostojewskij-Denkmal im Kurhausgarten Bad Homburg. Bild: Michael Kretzer

Polarisiert hat Fjodor Michailowitsch Dostojewskij immer: Andreas Guski nennt ihn in seiner aktuellen Biographie den Autor der Krise. Er bezieht das gleichermaßen auf Werk und Rezeption.

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          Der „Idiotenführer durch die russische Literatur“ ist nicht etwa das neueste Handbuch für Schmalhirne, sondern eine bereits 1925 erschienene Streitschrift. Dem „Rückgrat der Welt“ gewidmet, zieht darin Bertha Eckstein-Diener unter dem Pseudonym Sir Galahad vom Leder. Vor allem Dostojewskij trifft es, dessen redselige Figuren „brünstig nach schlechtem Gewissen“ seien. „Kaugummi wäre edler am Platz, muss durchaus etwas speichelseicht stundenlang von Mund zu Mund gehen.“ Jedes einzelne Ich in Dostojewskijs „Maniakhaufen“, jeder einzelne Idiot, übe „Masochistenterror über die Welt“ aus, auf dass diese dem Erniedrigten und Beleidigten huldige.

          Polarisiert hat Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821 bis 1881) immer. Sein aktuellster Biograph, Andreas Guski, spricht vom „Autor der Krise“ und bezieht das auf Werk und Rezeption: Je mieser die Zeiten, desto stärker das Interesse am Werk des Autors oder vielmehr an den zerrissenen Figuren. Guski zeichnet nach, wie sich die Sicht auf Dostojewskij verändert hat. Mit seinem ersten großen Prosatext, den „Armen Leuten“, katapultierte sich Dostojewskij an die Spitze der sozialkritischen Literatur, die freilich gerade erst im Entstehen war. Mit dem „Doppelgänger“ drohte dem Senkrechtstarter dann gleich wieder der Absturz. „Das Phantastische“, hielt die damalige Kritikergröße Wissarion Belinski fest, „gehört heutzutage ins Irrenhaus und nicht in die Literatur, es ist etwas für Ärzte, nicht für Poeten.“ Den Roman fürs Abseitige gab es damals erst recht nicht. Dostojewskij hat hier mit seinen Formexperimenten Pionierarbeit geleistet; im zwanzigsten Jahrhundert wird dann auch die psychologische Seite seiner Texte gewürdigt.

          Guski erliegt nie der Gefahr, ein hagiographisches Bild zu zeichnen. Antisemitische Vorurteile Dostojewskijs benennt er ebenso klar wie Ressentiments gegenüber dem Westen. Er räumt jedoch mit einigen hartnäckigen Vorurteilen auf, vor allem indem er betont, Autor und fiktives Personal dürften nicht gleichgesetzt werden, eigentlich eine Binsenweisheit, die in Dostojewskijs Fall leider häufig missachtet wird. Ohne sich in Erbsenzählerei zu verlieren, weist Guski durch sorgsames Quellenstudium die Haltlosigkeit dieser Identifikation nach.

          Ein schludriger Autor war er nicht

          Dostojewskij wird als in sich widersprüchliche Persönlichkeit beschrieben: ein Nonkonformist, der gegen Individualismus wettert, ein Schiller- und Hoffmann-Verehrer, der alles Deutsche hasst, ein Intellektueller, der sich in seiner Impulsivität nicht um Schlüssigkeit schert. Selbst als Angeklagter erzeugte er mit permanenten Strategiewechseln „eine flimmernde Textstruktur, wie sie später zum Markenzeichen seiner großen Romane werden sollte“.

          Zahn der Zeit: Die Dostojewskij-Statue vor der Nationalbibliothek in Moskau wird gereinigt.
          Zahn der Zeit: Die Dostojewskij-Statue vor der Nationalbibliothek in Moskau wird gereinigt. : Bild: AP

          Eine Konstante ist seine Diskussionsfreude. Er las und verlegte begeistert Zeitungen und gehörte verschiedenen Zirkeln an. In Basel von Holbeins „Der Leichnam Christi im Grabe“ erschüttert, leckt er nicht etwa seine Wunden, sondern nimmt das Motiv in den „Idioten“ auf, um den religiösen Disput literarisch fortzuführen. Und als Schriftsteller konnte er durchaus mit Bedacht vorgehen. Guski räumt auch hier mit der Mär auf, Dostojewskij sei ein schludriger Autor, der stets gegen die Uhr und die nächste Wechseleinlösung angeschrieben habe: Dostojewskij hat zwar Druck gebraucht, um seine Kreativität entwickeln zu können, und die Endphase einer Arbeit häufig in hohem Tempo bewältigt, dieser gingen aber lange Planungen voraus. Mehr als einmal hat er weit fortgeschrittene Manuskripte verworfen, weil sich die Erzählperspektive nicht aufrechterhalten ließ. Literarische Verfahren wie Cliffhanger, Groteske und Melodram beherrschte er, auch durch die Erstveröffentlichung als Zeitungsroman, eh aus dem Effeff.

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