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Andrea Böhm: Gott und die Krokodile : Vom Leben im alltäglichen Ausnahmezustand

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Mit Sympathie, kritisch und auf Augenhöhe: Die Politologin Andrea Böhm zeichnet in ihren eindringlichen Reportagen aus dem Kongo ein differenziertes Bild des gebeutelten zentralafrikanischen Landes.

          The Rumble in the Jungle, das Grollen im Dschungel, so taufte Muhammad Ali im Vorfeld den spektakulären Boxkampf, den er im September 1974 gegen George Foreman in Kinshasa, der Hauptstadt des damaligen Zaire, bestritt. Ein Riesenspektakel, begleitet von zahllosen Medienvertretern aus aller Welt, darunter der amerikanische Schriftsteller und große Ali-Fan Norman Mailer, der über das Ereignis später das Buch „Der Kampf“ veröffentlichte. Zur Überraschung vieler Experten gewann Ali den Fight. Der andere Sieger hieß Joseph Désiré Mobutu, der Staatschef des riesigen zentralafrikanischen Landes. Nur wenige der Besucher blickten hinter die Fassade und sahen, wie Norman Mailer, einen üblen Diktator, der seinem Volk „Authentizität“ verordnete und selbst Champagner in Strömen soff, Milliarden nach Europa verschob und Regimegegner brutal unterdrückte.

          Es mag im unabhängigen Afrika noch grausamere und gierigere Herrscher als Mobutu gegeben haben, doch nur wenige übten einen so lange andauernden und zerstörerischen Einfluss auf ihr Land aus. Zaire, die einstige belgische Kolonie Kongo, mit Rohstoffen reich gesegnet, fiel unter seiner Ägide in den wirtschaftlichen Ruin und wurde zum Inbegriff der „Kleptokratie“ - ein Selbstbedienungsladen für eine korrupte Elite von Politikern. Die westlichen Mächte, insbesondere die Vereinigten Staaten, Frankreich und Belgien, die Mobutu in Zeiten des Kalten Krieges als Verbündeten betrachteten, tolerierten dieses Gebaren ebenso wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank.

          Sich irgendwie durchwursteln

          Nach Mobutus Tod wurde Zaire, nun erneut unbenannt in Demokratische Republik Kongo, zum Schauplatz von „Afrikas Weltkrieg“. Statistiken zufolge starben, von der westlichen Öffentlichkeit und Politik weitgehend ignoriert, allein zwischen 1996 und 2001 über vier Millionen Menschen in den Kriegen dieser Region, die nahezu ein Drittel des Kontinents ausmacht. Heute gilt Kongo vielen als Musterbeispiel eines gescheiterten Staates, geprägt von Gewalt und Kriminalität, inkompetenten Regierungen, Korruption, unproduktiven Ökonomien und unkontrolliertem Bevölkerungswachstum. Es ist das große Verdienst der Reportagen von Andrea Böhm, ein differenziertes, von Sympathie getragenes und gleichwohl sehr kritisches Porträt Kongos und seiner Bewohner zu geben, ohne sich in apokalyptischen oder gar herablassenden Ausführungen zu ergehen.

          „Se débrouiller“, sich irgendwie durchwursteln, diese Lebensmaxime vieler Kongolesen fängt die Autorin auf beeindruckende Weise mit ihren Geschichten ein. Dabei gelingen ihr immer wieder Verknüpfungen mit historischen Entwicklungen und Ereignissen sowie eindringliche Porträts. Etwa von Judex Tshibanda Wata, der in jenem heute verfallenen Stadion in Kinshasa, in dem Muhammad Ali einst erfolgreich den Weltmeistertitel zurückeroberte, seit inzwischen vielen Jahren kongolesische Boxerinnen trainiert und darauf hofft, dass Ali ihm eines Tages einen Besuch abstattet.

          Von seinen Gegnern brutal ermordet

          Böhm begibt sich auch auf die Spuren von William Henry Sheppard, dem afroamerikanischen Missionar, der als Erster auf die brutalen Machenschaften in König Leopolds Kongo aufmerksam machte. Und sie lässt noch einmal jene dramatischen Monate der Unabhängigkeit Kongos Revue passieren. Patrick Lumumba, der junge kongolesische Ministerpräsident, hatte bei der Unabhängigkeitsfeier Ende Juni 1960 zu einer vehementen Philippika ausgeholt, in der er die Leiden seiner Landsleute unter der belgischen Kolonialherrschaft beschwor und von Ausbeutung, Rassismus und verletzter Würde sprach.

          Die belgische Presse empörte sich über diese vermeintliche Anmaßung und nannte Lumumba, der in der westlichen Welt rasch als Kommunistenfreund galt, fortan „sale nègre“, „dreckiger Neger“. Lumumba wurde nur wenige Monate nach seiner Rede von seinen kongolesischen politischen Gegnern brutal ermordet, unter tatkräftiger Hilfe des belgischen und amerikanischen Geheimdienstes. Böhm muss feststellen, dass nur wenige Kongolesen heute bereit sind, sich über ihren ersten Ministerpräsidenten zu äußern. „Denn ausführlich über Lumumba zu reden bedeutet, ausführlich über die jüngere Geschichte des eigenen Landes zu reden. Über den Verrat der Unabhängigkeitsbewegung an sich selbst und über innerethnische Konflikte.“

          Schauplatz globaler Strukturen

          In Kongo herrscht der alltägliche Ausnahmezustand, den die Autorin keineswegs romantisiert. Sie verschließt ihre Augen nicht vor den vielen Wunden des Landes. Böhm besucht Krankenhäuser voller Vergewaltigungsopfer, die Geschichten erzählen, die oft „zu grausam waren, um sie je zu veröffentlichen“. Sie spricht mit Schürfern, die mit bloßen Händen oder primitiven Werkzeugen in einsturzgefährdeten Gruben unter hohem Risiko nach Diamanten, Kobalt und Kupfer suchen. Sie verdienen nur wenig, müssen Schürfgebühren und Steuern zahlen und werden mit illegalen Abgaben erpresst. Und graben weiter, träumen vom großen Fund.

          Kongo ist, wie Böhm betont, kein abseitiges ewiges Katastrophengebiet, sondern ein Schauplatz globaler Strukturen. Ihr vorzüglich geschriebenes Buch, eine der besten deutschsprachigen Veröffentlichungen zu Afrika der letzten Jahre, bringt auch einer nichteingeweihten Leserschaft die komplizierten Konstellationen in diesem Land auf eindringliche Weise nahe.

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