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Wilhelm Frick und der Leiter der Reichsschrifttumskammer Hanns Johst besichtigen die Ausstellung „Das Politische Deutschland“ in der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin, 1936 Bild: Picture-Alliance

Schriftsteller in der NS-Zeit : Nachricht von schöner und geschönter Literatur

  • -Aktualisiert am

Abfolge eines Sündenfalls: Anatol Regnier sieht den Schriftstellern der NS-Zeit auf die Finger. Im Hintergrund seiner Chronik verflicht er die Historie mit der eigenen Familiengeschichte.

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          Im Januar 1940 begleitet Hanns Johst, Präsident der Reichsschrifttumskammer, den Reichsführer SS auf einer Inspektionsreise durch die neu eroberten polnischen Gebiete. „Während Himmler in seinem Salonwagen dringlichsten Arbeiten nachgeht, sinniert Johst über den Spruch aus dem Cherubinischen Wandersmann des Angelus Silesius, den man im Dritten Reich endlich begriffen habe: Mensch, werde wesentlich!“ Deutsche Innerlichkeit auf Abwegen.

          Anatol Regnier, Autor der zitierten Zeilen, wird von seinem Verlag vorgestellt als „Gitarrist, Chansonsänger und freier Autor“. Einem größeren Publikum bekannt geworden ist er als Biograph seines Großvaters Frank Wedekind. Er hat eine eigene Methode entwickelt, um die Zeitzeugen seines Buches „Jeder schreibt für sich allein“ zu Wort kommen zu lassen, das von der Existenz deutscher Schriftsteller unter der Fuchtel des Nationalsozialismus handelt. Der Buchtitel ist treffend gewählt, auch deshalb, weil er unverkennbar einen anderen anzitiert: Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ – und damit nicht zuletzt die vielen Suizide deutscher Autoren in trostloser Zeit, wie zum Beispiel Ludwig Fulda, Jochen Klepper, Börries von Münchhausen, Kurt Tucholsky, Klaus Mann, den liebenswerten Meister des Zeichenstiftes E. O. Plauen nicht zu vergessen.

          Die Verflechtung des Geschehens mit der eigenen Familiensaga

          Regnier präsentiert die Früchte seiner eindringlichen Sammeltätigkeit aus den Beständen der schönen und geschönten Literatur der Zeit, aber auch aus Reden, Briefwechseln, Tagebüchern, Sitzungsprotokollen, Resolutionen und Presseartikeln als sorgsam komponierte Zitatmontage. Diese Texte im O-Ton sind durchgehend kursiv gesetzt und springen in ihrer geballten Präsenz den Leser förmlich an. Sich selbst dagegen nimmt der Chronist in der Typographie genauso zurück wie in der Lakonik seiner Kommentare, was freilich – siehe oben – gewisse Ironien nicht ausschließt. Die preiswerte Selbstgerechtigkeit der späten Geburt ist seine Sache nicht, wohl aber die unabdingbare Pflicht zum Rück-Blick auf das deutsche Debakel (wie schon in seinem Buch „Wir Nachgeborenen“ von 2014).

          Der schreibende Arzt: Die Großmutter des Autors Anatol Regnier war lange Jahre die Geliebte von Gottfried Benn.
          Der schreibende Arzt: Die Großmutter des Autors Anatol Regnier war lange Jahre die Geliebte von Gottfried Benn. : Bild: dpa

          Die kompakten Kapitel folgen in wechselnder Gewichtung der Chronologie der tausend braunen Jahre, wobei dem Umbruch von 1933 besondere Prominenz zukommt. Einblicke in Regniers eigene Biographie gewähren auf zugleich persönliche und programmatische Weise Auftakt und Abschluss des Ganzen. Am Anfang steht bei dem in eine wahrhaft kulturprominente Familie Hineingeborenen die jugendliche Sensibilisierung für die vielfach verdrängte Unglücksgeschichte seines Landes; am Ende eine beglückend versöhnliche Begegnung mit Heinrike, der Tochter des Nazi-Barden Will Vesper und Schwester von Bernward, dem RAF-Terroristen und Autor der Generations-Abrechnung „Die Reise“ (auch er einer, der – als spätes Nazi-Opfer – für sich allein schreibt und stirbt).

          Regnier geht sein großes Thema exemplarisch und nicht flächendeckend an. Seinem Argument, schon die Gebrüder Jünger würden in diesem Kontext ein eigenes Buch verdienen, lässt sich schwer widersprechen. Und doch wird wohl jeder interessierte Leser eine längere Vermisstenliste aufstellen und bedauern, dass Regnier seine Gabe der Konzentration nicht noch dem einen oder anderen ergiebigen Fall zugewendet hat. Sein Vorhaben, in Ergänzung zu wissenschaftlichen Arbeiten Atmosphärisches zu berichten, auf Zwischentöne zu hören und so in die Lebenswirklichkeit dieser für die Späteren oft so schwer verständlichen Zeit einzudringen, ist ihm jedenfalls rundum gelungen.

          Einleitend deutet er an, was danach diskret im Hintergrund seiner Chronik steht: die Verflechtung des Geschehens mit der eigenen Familiensaga. Denn seine Großmutter Tilly, Gattin und Witwe des 22 Jahre älteren Frank Wedekind, ist später über lange Jahre die Geliebte von Gottfried Benn gewesen, und seine Mutter Pamela, von der er offenbar die Liebe zu Chanson und Gitarre geerbt hat, war die Verlobte von Klaus Mann und Schauspielerin unter der Regie von Gustaf Gründgens.

          Benns auftrumpfende Widersprüchlichkeit

          Brennpunktartig erfassbar werden die Verwerfungen dieser besonderen Kulturgeschichte am Beispiel der Preußischen Akademie der Künste mit ihren Austritten, Zuwahlen und einer für das ganze Land modellhaften Anpassungsakrobatik. Es beginnt mit einem Aufruf zur letzten freien Wahl, bei dem unter anderen die Akademiemitglieder Käthe Kollwitz und Heinrich Mann für eine sozialistische Einheitsfront zur Rettung der Republik werben. Dazu Kultusminister Rust bei einer Ansprache vor Nazi-Studenten: „Seien Sie unbesorgt! Ich werde dem Skandal an der Akademie ein Ende bereiten!“ Sein Ultimatum, dem sich die Institution in kollegialer Zerstrittenheit beugt: Entweder tritt Heinrich Mann als Vorsitzender der Abteilung Dichtkunst zurück, oder die ganze Akademie wird aufgelöst. Mann und auch Kollwitz gehen.

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