https://www.faz.net/-gr3-ua55

: An dieser Melodie tropft der Wasserfall der Wortverdreher ab

  • Aktualisiert am

Das Geheimnis von Mozarts Musik ist ihre Schönheit. Was es mit dem Schönheitsideal auf sich hat, das Mozart vorschwebte, das erfährt man in diesem, wie unser Rezensent urteilt, sensiblen und sprachmächtigen Buch, dessen idealer Leser das Gesamtwerk im Kopf hat. Sich schreibend über etwas klarwerden ...

          4 Min.

          Das Geheimnis von Mozarts Musik ist ihre Schönheit. Was es mit dem Schönheitsideal auf sich hat, das Mozart vorschwebte, das erfährt man in diesem, wie unser Rezensent urteilt, sensiblen und sprachmächtigen Buch, dessen idealer Leser das Gesamtwerk im Kopf hat. Sich schreibend über etwas klarwerden und es damit auch anderen klarmachen oder anderen etwas erklären wollen und sich dabei zuallererst selbst darüber klarwerden, das ist nicht der schlechteste Impuls zum Schreiben. Mit seinem Buch will der Philosoph Gustav Falke "Rechenschaft ablegen über seine grenzenlose Begeisterung für Mozarts Musik", womit er ja alles andere als allein steht. Was ist das Geheimnis dieser Musik, solche sich offenbar nie verbrauchende Begeisterung zu erregen?

          Anders als Bach, Händel und Haydn und darin allenfalls Beethoven vergleichbar hat Mozart nie eine "Renaissance" erlebt, sondern ist mit dem Tode sofort in einen geradezu kultischen Nachruhm eingegangen. Mit dem "Schönen" zielt Falkes Buch auf den Kern dieses Geheimnisses. Mozarts Musik ist "schön" in einem neuen, gesteigerten Sinne: Schönheit ist, was sie in allererster Linie anstrebt.

          Was also ist Schönheit, was lässt sich dieser Musik als das Ideal ablesen, das ihrem Schöpfer vorschwebte? Form, Prägnanz, Gestalt, Klarheit, Fasslichkeit: Mozart ist ein Klassizist. Die Elemente der schönen Gestalt sind der aus dem Geist des Tanzes geborene zweitaktige Puls und achttaktige Periodenbau, Bewegung in Form antwortend aufeinander bezogener Gesten. Tanzgeborene Bewegung kennzeichnet auch Händels Musik, aber Mozart steigert den antwortenden Bezug zu starken Kontrasten, zu einer, mit Heraklit zu reden, "gegenstrebigen Fügung": Darin ist Mozarts musikalischer Klassizismus neuartig.

          Aber nicht nur die Form, auch der Inhalt soll schön sein. Hat Musik einen Inhalt? Hier greift Falke überraschenderweise auf den schottischen Moralphilosophen Adam Smith zurück, den er als Musiktheoretiker entdeckt. Musik ist Ausdruckskunst; was sie ausdrückt, sind Gefühle. Zwar soll Musik auch "schlechte" Affekte ausdrücken können wie Zorn, Hass und Neid, wenn auch nie so, dass sie das Ohr beleidigt, aber der eigentliche Gegenstand musikalischen Ausdrucks ist die Skala der "guten" Affekte zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Mozarts vornehmstes Ausdrucksmittel ist die Melodie; Rhythmus, Harmonie, Kontrapunkt treten dahinter zurück. Er reiht Melodie an Melodie in schier unerschöpflichem Einfallsreichtum; seine Musik lebt von der Ausdruckskraft und dem Kontrast dieser Melodien; er will "für aller Gattung Leute" schreiben und kombiniert das Hohe und das Niedrige, das Höfische und das Sakrale, das Strahlende und das Innige, das Tragische und das Buffoneske: Mozarts Musik spricht viele Sprachen - und immer im Rahmen der ausbalancierten, perspektivisch gegliederten Form.

          Das Gegenstück zu Mozarts italienisch geprägtem Klassizismus ist eine Linie, die von Johann Sebastian und Carl Philipp Emmanuel Bach über Haydn in die Romantik führt. Ihr Prinzip ist die "Introspektion". Das ist die motivische Arbeit, Introspektion als Ausleuchten aller Winkel und Ecken eines Themas, wie es Haydn auf die Spitze treibt, oder auch wie bei Johann Sebastian Bach in der Fugen- und Kanonkunst, wo das Thema sich selbst begleitet, oder schließlich als seelische Introspektion wie bei Carl Philipp Emanuel Bach, wo es um die "Letztinstanzlichkeit" des eigenen Fühlens geht. Hier ist, auf christlichen Grundlagen, nicht Schönheit, sondern Authentizität das angestrebte Ziel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Verbrechen in Hanau : Beuth: Fremdenfeindliches Motiv gegeben

          Der hessische Innenminister sagt, der mutmaßliche Täter von Hanau sei vorher nicht polizeilich bekannt gewesen. Es soll sich um einen Mann namens Tobias R. handeln. Er hat mutmaßlich am Mittwochabend mindestens neun Menschen umgebracht.
          Der Milliardär Michael Bloomberg (links) in seiner ersten Fernsehdebatte zur Präsidentschaftskandidatur der amerikanischen Demokraten am Mittwoch in Las Vegas

          Fernsehdebatte der Demokraten : Bloomberg im Kreuzfeuer

          Zum ersten Mal nimmt Michael Bloomberg an einer Fernsehdebatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber teil. Sofort ist der „arrogante Milliardär“ der Lieblingsfeind seiner Konkurrenten. Doch er teilt auch aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.