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: An dieser Melodie tropft der Wasserfall der Wortverdreher ab

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Auch bei Mozart gibt es Sturm und Drang, gibt es eine expressive, ja geradezu expressionistische Phase, so wie andererseits auch Haydn seine "introspektiven Grenzgänge" immer wieder in "klassizistische Normalisierungen" einbindet. Die Wiener Klassik entsteht aus der "Selbstkritik des Klassizismus" durch Expressivität, so wie die Weimarer Klassik aus der Selbstkritik des Sturm und Drang durch formale Bändigung. Darin, in der Grundsätzlichkeit der Auseinandersetzung mit gegenstrebigen, letztlich auf den Gegensatz von Christentum und Antike zurückgehenden Traditionen, sieht Falke das Erfolgsgeheimnis der deutschen Kultur im späten achtzehnten Jahrhundert.

Zwei Stichworte fehlen mir in Falkes Charakterisierung von Mozarts Stil. Das eine ist die von Thrasybulos Georgiades hervorgehobene Diskontinuität, die durch Bruch und Plötzlichkeit Präsenz erlebbar macht, den Einbruch von Gegenwart in den Fluss der Zeit. Bruch ist mehr als Kontrast - und auch das steht im Gegensatz zur bachschen "Ausspinnung". Aber vielleicht geht Haydn darin sogar weiter als Mozart.

Das andere Stichwort ist das Erhabene, das in der Ästhetik der Zeit das Gegenstück zum Schönen bildet (und nicht "Hässlichkeit"). Das Erhabene ist das Schaudervolle, Überwältigende, Beängstigende. Diese Kategorie wurde Mozart nicht nur religiös vermittelt - Falke zitiert die einschlägigen Motive im Requiem und im "Don Giovanni" -, sondern auch durch die Freimaurerei. Die Rituale der Freimaurer führen den Neophyten durch Nacht zum Licht, von Desorientierung zu Neuorientierung und bemühen für die Inszenierung der Nacht und der Desorientierung die Arsenale des Erhabenen. Gerade in den ab Ende 1784 entstandenen Werken entwickelt Mozart auch hierfür eine Sprache; die Einleitung des Quartetts KV 465, die maurerische Trauermusik KV 477 und manches im "Don Giovanni" und in der "Zauberflöte" streben nicht "Schönheit" an, sondern die Schauder des Erhabenen.

Gibt es bei dem frühverstorbenen Mozart einen "Spätstil"? Kündigt sich vielleicht darin die Romantik an, lässt sich vermuten, wohin das weist und wie Mozart um 1800 komponiert hätte? Kein Mozart-Liebhaber, den diese Fragen nicht beschäftigen. Falke weiß auch hier eine Antwort. Blässe, Sehnsucht, Distanz sind die Stichworte. "Das klassische Ideal wird zur fernen Erscheinung." In Briefen der Zeit spricht Mozart von Leere und Kälte, von einem "gewissen Sehnen, das nie befriedigt wird". Das Beispiel, das sich hier aufdrängt, ist jener Takt des Terzettino Nr. 10 in "Così fan tutte" auf das Wort "desir", der die schärfste Dissonanz zu Gehör bringt, die Mozart je komponierte. Falke zitiert dies nicht, aber er zitiert ansonsten auf Schritt und Tritt.

Nach der hier gegebenen Kurzfassung seiner Gedanken könnte man denken, er bewege sich in Klischees und konventionellen Dualismen, und so wäre es, wenn nicht jede seiner zahllosen zum Teil höchst subtilen Beobachtungen zu Phrasierung und Metrik, Ausdruck und Gestalt an Beispielen höchst sensibel und sprachmächtig illustriert wäre. Freilich wird gerade dadurch sein Buch schwer lesbar, denn er zitiert nicht den Text, wie er durch Notenbeispiele darstellbar wäre, sondern konkrete Interpretationen, verkörperte, nicht abstrakte Musik. Wie soll man das nachvollziehen?

Der ideale Leser muss nicht nur Mozarts Gesamtwerk im Kopf haben, sondern dazu noch in den zitierten Einspielungen. Man müsste dem Buch eine CD im MP3-Format mit allen zitierten Passagen beilegen und am besten auch noch den digitalisierten Buchtext selbst mit Links zu den entsprechenden Klangbeispielen. Was wäre das für eine Schule des Hörens! Aus dieser Lektüre ginge jeder verwandelt hervor und könnte Feinheiten wahrnehmen, die ihm bislang verborgen blieben. So bleibt es bei der Bewunderung für Falkes ebenso präzise wie suggestive Formulierungskunst.

JAN ASSMANN

Gustav Falke: "Mozart oder Über das Schöne". Lukas Verlag, Berlin 2006. 168 S., br., 19,80 [Euro].

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