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Amerikanischer Evangelikalismus : Die Mission des Neuen Jerusalem

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Speerspitzen des konservativen Amerika: Mitglieder der fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage Bild: AP

Wer glaubt, dass mit dem Wechsel im Weißen Haus alles anders werde, der kenne die Tiefenstrukturen der amerikanischen Gesellschaft nicht, meint die amerikanische Autorin Marcia Pally: Der Wertekonsens werde von den Evangelikalen mitbestimmt. Ihre Darstellung der religiösen Gruppierungen bleibt jedoch ziemlich grob.

          Die lange enttäuschten europäischen Liebhaber der Vereinigten Staaten atmen auf: Mit der Wahl von Barack Obama wird alles wieder anders. Die guten Eigenschaften Amerikas werden wieder hervortreten, der „große Bruder“ wird seine Vormachtstellung wieder zum Guten ausnutzen. Nach dem „bad cop“ Bush nun der „good cop“ Obama, der zweite Lincoln - ach, wäre das schön!

          Das kleine Buch der amerikanischen Medien- und Kulturwissenschaftlerin Marcia Pally, das noch im Vorfeld der Präsidentenwahlen entstand, warnt nachdrücklich vor einer solchen naiven Betrachtung der Dinge. Die wesentliche Botschaft der beiden in dem Band enthaltenen Essays lautet: Die „Tiefenstruktur“ amerikanischer Außenpolitik ist seit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in die Weltpolitik im Wesentlichen unverändert; und es spielt dabei keine große Rolle, ob ein Republikaner oder ein Demokrat im Weißen Haus sitzt.

          Untergründige Konstanz

          Nachhaltig zerstören die von Pally ausgewählten Beispiele den Eindruck, Bushs Außenpolitik sei fundamental anders, hässlicher, zynischer, bösartiger als die seiner Vorgänger: „In den Jahren zwischen 1945 und 2005 versuchten die USA unter beiden Parteien, 50 Regierungen zu stürzen . . .; sie unterdrückten mehr als 30 populistische und nationalistische Protestbewegungen und waren in Attentate oder geplante Attentate von 35 ausländischen Führungspersönlichkeiten verwickelt.“ Das Bemühen um Macht und Einfluss sei so konstant wie das ehrliche Bestreben, Freiheit und Demokratie zu verbreiten - zum ökonomischen Nutzen aller.

          Einer der einflussreichsten amerikanischen Evangelikalen: der Pastor Rick Warren

          Die Gründe für diese politische Konstanz sucht die Autorin in einem Wertekonsens, der tiefe religiöse Wurzeln in der amerikanischen Gesellschaft hat. Erinnern sich die enttäuschten Liebhaber vielleicht nur der nach Ansicht vieler bigotten Rhetorik George W. Bushs, so zitiert Pally andere Beispiele religiöser Rhetorik, angefangen mit Jefferson und Lincoln. Im Vorwahlkampf haben sich auch Hillary Clinton und Barack Obama ausführlich zu ihrem Glauben geäußert.

          Missionarischer Impuls

          Solche und andere Äußerungen zeigen, dass Religion hochangesehen und politisch allgegenwärtig ist in einem Land, in dem Kirche und Staat institutionell sehr viel strikter getrennt sind als etwa in Deutschland. Mag diese religiöse Prägung der amerikanischen Gesellschaft, und so auch ihrer führenden Politiker, aus einer westeuropäischen Perspektive befremden, so erklärt sie sich aus der Geschichte des Landes und seines öffentlichen Diskurses. Dieser sei, so die Autorin, wesentlich vom Evangelikalismus (evangelicalism) geprägt. Dieser Evangelikalismus stammt „von den religiös enthusiastischen calvinistischen und anglikanischen Kirchen und den pietistischen und herrnhutischen Bewegungen in Deutschland ab“. Charakteristika sind besonders die Suche nach einer persönlichen Beziehung zu Jesus, die persönliche Bibellektüre und ein missionarischer Impuls.

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