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Psychologische Kriegsführung : Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe des Amts

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Mit Wachsamkeit gegen Sabotage: Propaganda-Plakat aus dem Zweiten Weltkrieg Bild: Picture-Alliance

Auf verschlungenen Dienstwegen: Amerikanische Feldhandbücher klären über Sabotage und psychologische Kriegführung im Zweiten Weltkrieg auf.

          Im Juni 1942, ein halbes Jahr nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg, rief die amerikanische Regierung das Office of Strategic Services (OSS) ins Leben. Es sollte die geheimdienstlichen Kompetenzen zusammenführen, aber auch der militärischen Planung und der psychologischen Kriegführung dienen.

          Dass es im Krieg wesentlich auf die Stärkung der eigenen Moral ankommt und die Schwächung der gegnerischen, das ist nie bezweifelt worden. Und doch hatten die amerikanischen und die britischen Militärs erhebliche Vorbehalte gegen die Techniken der psychologischen Kriegführung (PK), die wechselnd als unehrenhaft, nutzlos oder auch schädlich angesehen wurden, als eine „neumodische Idee, in New York ausgedacht“. Ein Grund dafür waren die Leute, die dahinterstanden, viele Emigranten, gebildet, weltläufig, in der alten Heimat erfolgreich in ihrem Beruf und damit dem militärischen Apparat fremd. Es bedurfte einiger Mühe, ihnen den notwendigen Spielraum zu eröffnen, aber Anfang 1943 konnte das OSS ein vorläufiges „Feldhandbuch für psychologische Kriegsführung“ herausgeben. Nun ist es, genauso wie das „Feldhandbuch für einfache Sabotage“ von 1944, auf Deutsch im Czernin Verlag erschienen.

          Das Beste an diesem Buch, informativ und gedankenreich, ist das Vorwort der Herausgeber, das die Bedingungen beschreibt, unter denen das OSS arbeitete, das Misstrauen, das ihm entgegenschlug, und dessen allmählichen Abbau in Nordafrika und Italien im Sommer 1943, als man in den eroberten Gebieten rasch wieder eine zivile Ordnung herstellen konnte. Wenninger und Pfeffer verschweigen nicht, dass die Hoffnungen, die in die psychologische Kriegführung gesetzt worden waren, sich nicht bestätigten.

          „Das kleine Sabotage-Handbuch von 1944“. Die besten Tricks des amerikanischen Geheimdienstes im Kampf gegen Hitler.

          Nur in zwei Punkten ist den Herausgebern Florian Wenninger und Jürgen Pfeffer zu widersprechen. Zum einen meinen sie, man könne dem Feldhandbuch nur entnehmen, wie die Vereinigten Staaten ihre Gegner einschätzten. Doch über Deutschland oder Italien 1943 und die Einstellungen und Eigenarten ihrer Bürger sagt das Feldhandbuch nichts. Dabei bemühte sich das OSS sehr wohl um tiefere Einblicke. In seinem Auftrag verfasste etwa Carl Zuckmayer 1943/44 den „Geheimreport“, in dem er führende Persönlichkeiten der deutschen Kultur durchmusterte; auch zur deutschen Wirtschaftspolitik in den besetzten Gebieten wurden scharfsichtige Studien erstellt. Aber Anfang 1943 war man wohl einfach noch nicht so weit.

          Ein zweiter Punkt, in dem man den Herausgebern nicht zustimmen möchte: Sie finden interessant, dass die psychologische Kriegführung zwischen 1943 und 1945 die Auseinandersetzungen des Kalten Krieges vorbereitete. Doch während sich der Kalte Krieg rasch zu einem ideologischen Streit entwickelte, wurde im Kampf gegen Nationalsozialismus und Faschismus – ausgerechnet – die ideologische oder moralische Frage suspendiert. Es hatte sich herausgestellt, wie Wenninger und Pfeffer an anderer Stelle sagen, „dass eine indoktrinierte Bevölkerung durch ideologische Gegenindoktrination kaum zu erreichen war“. So verlegte man sich auf Tatsacheninformationen vor allem zur Kriegslage und versuchte, durch strikte Faktentreue Glaubwürdigkeit zu gewinnen.

          Das „Feldhandbuch“ ist der Versuch, zu einem frühen Zeitpunkt Überlegungen zur psychologischen Kriegführung zusammenzutragen. Eine große Rolle spielt die Wahrung der Hierarchie. Das Thema ist den militärischen Autoritäten unheimlich, deshalb wird großer Wert gelegt auf Einhaltung der Dienstwege und Achtung der Zuständigkeiten. Vieles ist, man kann es nicht anders sagen, trivial. Falschmeldungen sollen verbreitet werden, indem man ihren Inhalt Friseuren bekannt macht. Dagegen kann ein Gerücht, „das durch Hafenarbeiter verbreitet werden soll, in seinem Kern einige pornografische Details enthalten“. Interessant dann wieder das Eingeständnis, dass psychologische Kriegführung einen schon angebahnten Erfolg verstärkt, nicht aber den Misserfolg aufhält.

          Florian Wenninger, Jürgen Pfeffer (Hrsg): „Sabotage und psychologische Kriegsführung“. Ein Handbuch.

          Ein Jahr später gab das OSS das „Feldhandbuch für einfache Sabotage“ heraus. Der Adressat ist auch hier nicht die große Widerstandsorganisation, sondern der „Bürger-Saboteur“, der zur Vorsicht ermahnt wird. Der erste Ansatzpunkt der technischen Sabotage sind die Schmiersysteme von Maschinen. Mehrfach wird empfohlen, zu wenig Schmieröl zu nehmen, es zu verdünnen oder mit Sand, Metallspänen und dergleichen zu versetzen. Lebensmittel sollen verdorben werden, aber damit schadete sich die oppositionelle Bevölkerung ja selbst. Auch zur Verstopfung von WCs in Betrieben wird geraten; wie oft mag dieser Rat befolgt worden sein? Manche Ideen scheinen von Drehbuchautoren zu stammen, so jene, Propagandafilme zu stören, indem man während der Vorführung „zwei oder drei Dutzend große Nachtfalter“ freilässt, die man in einer Papiertüte mitgebracht hat.

          Das „Feldhandbuch für einfache Sabotage“ hat auch rororo entdeckt. Dort wird neben der Übersetzung das englische Original geboten und ein munteres Nachwort von Katrin Passig, die vor allem auf die soziale Sabotage eingeht, welche das Field Manual auf den letzten Seiten abhandelt: unnötige Sitzungen, Wortklaubereien, Missverständnisse, Beförderung unfähiger Arbeiter, ausgedehnte Briefwechsel, Verbreitung schlechter Stimmung und andere Dinge zur Störung von Produktion und Organisation. Passig vergleicht diese Sabotage mit der heute alltäglichen. Mitarbeiter in „hohen zweistelligen Prozentsätzen“ nutzen nach neueren Untersuchungen jede Gelegenheit, Sand ins Getriebe ihrer Firma oder Behörde zu streuen, weil sie sich schlecht behandelt fühlen. Dabei bemerkenswert: Passig, aber auch ihre Kollegen Wenninger und Pfeffer sind sich einig, dass das nichts Gutes ist.

          Vor zwanzig Jahren hätten in solchen Maßnahmen noch viele den Geist schöner Widersetzlichkeit gespürt. Aber den Staub in die Lungen der Mächtigen blasen zu wollen, das sind mittlerweile Neigungen, die rechts mindestens so populär sind wie links.

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