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: Amerika untergraben

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Ist Krieg sinnlos? Afrikanische Invaliden, denen im Bürgerkrieg die Hände abgehackt wurden, werden diese Frage vielleicht verneinen müssen. Denn wenn man die "sinnlosen" Opfer richtig inszeniert, haben sie den zynischen Sinn, von Fernsehkameras aufgenommen zu werden und unsere Herzen und Brieftaschen in Bewegung zu versetzen.

          Ist Krieg sinnlos? Afrikanische Invaliden, denen im Bürgerkrieg die Hände abgehackt wurden, werden diese Frage vielleicht verneinen müssen. Denn wenn man die "sinnlosen" Opfer richtig inszeniert, haben sie den zynischen Sinn, von Fernsehkameras aufgenommen zu werden und unsere Herzen und Brieftaschen in Bewegung zu versetzen. Heute bilden auch die Hilfsorganisationen einen Teil der Kriegsökonomie. Spendengelder ermöglichen das Leben in Lagern. Lager machen die Aktivitäten der Hilfsorganisationen erst sichtbar und sind ihre Werbung. Diese Symbiose von Helfern und Opfern bereitet dem Virus der Gewalt einen idealen Nährboden. In Zaire und im Kongo etwa rekrutierten Hutu-Aktivisten in solchen Lagern Jugendliche, um Ruanda anzugreifen und Tutsi zu ermorden, die sich zuvor an den Hutu vergangen hatten, die zuvor Tutsi ausgerottet hatten - ein Kreislauf der Gewalt, der ohne "Hilfe" von außen unterbrochen worden wäre, denn die Hutu-Flüchtlinge hätten sich andernfalls aufgelöst und in den Weiten Zaires private Aufnahmeorte gefunden.

          Solche Dilemmata und Paradoxien bestimmen die "Logik von Krieg und Frieden", die der Militärtheoretiker Edward Luttwak vor uns ausbreitet. Die paradoxen Wirkungen kriegerischer Logik wirken in verschiedene Richtungen und auf verschiedenen Ebenen. Sie können sich gegenseitig aufschaukeln oder durchkreuzen. Im Errichten kriegsabschreckender "Drohkulissen" etwa sind die Amerikaner gewissermaßen Weltmeister, wie die Irak-Krise gegenwärtig zeigt. Gleichzeitig nähren sie mit ihren Kriegsvorbereitungen den Ruf, rücksichtslose "Imperialisten" zu sein. Auf der "horizontalen" Ebene der von Luttwak so genannten "Gesamtstrategie" wird so ein fataler Mechanismus wirksam: Das unterstellte Hegemoniestreben ruft die Reaktion hervor, "die es in der Vergangenheit immer hervorgerufen hat: untergründigen Widerstand seitens der Schwachen". Danach ist "das Verhalten ehemaliger Verbündeter allmählich durch das deutliche Bestreben charakterisiert, die Macht und das Prestige der Vereinigten Staaten zumindest mit geringen Kosten und Risiken bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu untergraben, wie dies schon jetzt im Falle von Frankreich geschieht." Dieser Satz liest sich, als wäre er erst am Tag jener "gemeinsamen Erklärung" vom 5. März 2003 geschrieben worden, als Frankreich, Deutschland und Rußland die Unabhängigkeit Europas erklärten.

          Neben dieser "horizontalen" Ebene sich verstärkender oder durchkreuzender Wirkungen zwischen Militär und Politik, die wie Kontinentalplatten gegeneinander reiben und drücken, beleuchtet Luttwak mehrere "vertikale" Ebenen des militärischen Handelns: im wesentlichen die taktische, "operative" und strategische Ebene. Wie die Schichten des Erdmantels haben sie wiederum ihre je eigene Konsistenz, was zu neuen Reibungen und Eruptionen führt. Die Grundelemente der Strategie, ihr oft paradoxes Zusammenwirken legt Luttwak mit Hilfe anschaulich erzählter Beispiele dar. Die meisten entstammen der ersten Auflage seines zunächst 1987 erschienenen Buchs. Andere hat der in Washington lehrende Militärtheoretiker für die jetzt ins Deutsche übersetzte Neuauflage ergänzt.

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