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Amazonasvolk der Awajún : Wo Ehefrauen nicht nur mit Selbstmord drohen

  • -Aktualisiert am

Bild: Konstanz University Press

Vom Alltag der Amazonasindianer im peruanischen Regenwald: Michael F. Brown hat ein bestechendes Buch über die Awajún geschrieben – und macht aus seinem Erschrecken über die dunklen Seiten keinen Hehl.

          Den Begründern ihres Fachs haben Ethnologen heute zweierlei voraus: die entschieden leichtere Zugänglichkeit ihres Forschungsfelds und ihre eigene Langlebigkeit. Beide Faktoren führen dazu, dass wir inzwischen über ethnographische Langzeitstudien verfügen, die sich über viele Jahrzehnte erstrecken. In Deutschland dürfte das Ethnologenehepaar Jean Lydall und Ivo Strecker in dieser Hinsicht Rekordhalter sein. Seit 1969 erforschen sie die kleine Volksgruppe der Hamar in Südäthiopien, deren erstaunlich konstant gebliebene Lebensformen sie in zahlreichen Artikeln und Filmen dokumentiert haben. Zwar liegt Michael F. Browns erste Begegnung mit den Awajún Perus nicht ganz so lange zurück, doch waren in deren Fall die Änderungen der Lebensbedingungen enorm.

          Anschaulich schildert Brown, welche Anstrengungen es ihn als jungen Wissenschaftler kostete, als er 1976 seine Forschungen bei den zu den Amazonasindianern zählenden Bewohnern des peruanischen Regenwaldgebiets aufnahm. An die Ärmlichkeit seiner Unterkunft, den ständigen Kampf gegen Morast und Dreck, die Stechmücken und Giftschlangen sollte er sich bald gewöhnen. Schwerer zu ertragen war die unentwegte Aufmerksamkeit, die man ihm in der kleinen Urwaldsiedlung entgegenbrachte. Für die Dorfbewohner war er ein ständiges Objekt der Neugier und Unterhaltung.

          Gefürchtete Kopfjäger gehen in die Dorfschule

          Die Awajún hatten erst wenige Jahrzehnte zuvor permanente Kontakte zu den weißen Siedlern aufgenommen, die sie sich bis dahin durch kriegerische Überfälle vom Leib gehalten hatten. Zum Zeitpunkt von Browns Aufenthalt hatten viele von ihnen ihre seminomadische Lebensweise als tropische Feldbauern, Jäger und Sammler bereits aufgegeben. Bei den Siedlern, die unter dem Schutz der staatlichen Instanzen immer weiter in ihr Gebiet vorgedrungen waren, verdingten sie sich als Arbeiter. Die jungen Männer begannen sich von der Tradition zu lösen. Früher waren die Awajún als Kopfjäger gefürchtet gewesen. Die kriegerischen Werte der Vergangenheit hatten zwar immer noch eine gewisse Gültigkeit, doch war die Außenwelt übermächtig geworden. Sich mit ihr auseinanderzusetzen erforderte Zweisprachigkeit und Bildung. In den von evangelikalen Missionaren gegründeten Dorfschulen konnte man sie erwerben.

          Muss ein Ethnologe die Gesellschaft, die zu erforschen er sich vorgenommen hat, auch lieben? Brown macht aus seinem Erschrecken über die dunklen Seiten der Kultur der Awajún kein Hehl. So umgänglich und fröhlich sie sich im Alltag gaben, so misstrauisch und gewaltbereit zeigten sie sich, sobald ein unerwarteter Schicksalsschlag sie traf. Mit vielen anderen indigenen Völkern teilen die Awajún die Auffassung, dass plötzlichen Todesfällen und schweren Erkrankungen immer übernatürliche Ursachen zugrunde liegen müssen. Sie herauszufinden ist Sache der Schamanen, die sich in einen ekstatischen Trancezustand versetzen und die Namen der Personen nennen, die das Unglück verschuldet haben sollen.

          Selbsttötung als Druckmittel gegen Ehemänner

          Dabei handelt es sich nach der Vorstellung der Awajún um Menschen, die gefährliche „Zauberpfeile“ in sich tragen, meist ohne selbst davon zu wissen. Schamanen können die Pfeile zwar aus dem Körper der Erkrankten entfernen und auch die Hexer selbst von ihren bösen Kräften befreien. In vielen Fällen hatten sich die Verwandten der Verhexten aber bereits zusammengetan, um die Übeltäter gemeinsam umzubringen. Michael Brown musste während seines Aufenthalts erleben, wie nicht nur Erwachsene, sondern selbst Kinder als Hexer beschuldigt und heimtückisch ermordet wurden.

          Nicht weniger hat ihn die enorm hohe Rate an Selbstmorden irritiert, die fast ausschließlich von Frauen begangen wurden und durch nichtigste Anlässe ausgelöst werden konnten. Brown deutet die ständige Bereitschaft zur Selbsttötung als ein Druckmittel gegenüber Ehemännern, die ihre Frauen schlecht behandeln und die Rache ihrer Verwandten fürchten müssen, wenn die Frauen sich etwas antun. In der nur ein paar hundert Personen zählenden Dorfgemeinschaft, bei der er sich aufhielt, kam es in nur fünf Jahren zu sieben tödlichen und noch weit mehr erfolglosen Selbstmordversuchen. Dagegen gehörten bei den Männern die oft mit Hexereivorwürfen in Verbindung gebrachten Morde zu den häufigsten Todesarten.

          Segensreiche Missionsarbeit

          Aus der historischen Distanz betrachtet, erscheint die hohe Zahl an Gewalttaten innerhalb der Gemeinschaft allerdings eher als ein Übergangsphänomen. In einer Situation, in der sich die alten Traditionen auflösten und die Handlungsspielräume der stark auf ihre Autonomie bedachten Awajún kleiner wurden, führten emotionale Verunsicherungen dazu, dass sich das auch früher schon sehr hohe Aggressionspotential nach innen richtete. Auf lange Sicht erwies sich Brown zufolge die Missionsarbeit der evangelikalen Kirchen als segensreich. Sie lieferten neue Orientierungs- und Wertesysteme, die den Frieden nach innen wahren und bei der Anpassung an die Anforderungen der Moderne halfen.

          Als Brown nach einer langen Unterbrechung seiner Forschungen 2012 wieder nach Peru kam, sah er sich einer grundsätzlich gewandelten Situation gegenüber. Hatten die Awajún früher unter einer extrem hohen Kindersterblichkeit gelitten, so war die Bevölkerungszahl der Alto-Mayo-Region inzwischen um ein Mehrfaches angestiegen. Die Armut von einst hatte einem unübersehbaren Wohlstand Platz gemacht. Den Awajún war es gelungen, die Kontrolle über ihre alten Territorien wiederzuerlangen. Bei ihrem Kampf um Anerkennung hatten sie auf ihre alten kriegerischen Traditionen zurückgegriffen, die sie bei ihren politischen Aktionen zielgerichtet einsetzten, um die Weltöffentlichkeit auf ihre desolate Lage aufmerksam zu machen.

          Schon lange keine marginalisierten Indios mehr

          War es auch früher schon zu gewaltsamen Übergriffen gegen ausländische Filmteams und Touristen gekommen, so führte die Enteignungspolitik der peruanischen Regierung 2009 zu einem bewaffneten Aufstand, dem unter anderen elf Polizisten zum Opfer fielen, die sie als Geiseln genommen hatten. Dass diese Aktionen keine heftigen Gegenreaktionen auslösten, sondern als Signal verstanden wurden, verdankten sie einer Reihe von gut ausgebildeten Rechtsanwälten und Politikern, die sich national wie auch international für die Rechte der Awajún einsetzten.

          Zu ihnen zählt etwa der Umweltaktivist Evaristo Nugkuag, der seit 2011 die Sache der indigenen Bevölkerung im peruanischen Parlament vertritt, sich auch bei den Vereinten Nationen für sie verwendet und bereits 1986 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde. In den Augen der peruanischen Mehrheitsbevölkerung gelten die 50.000 Awajún immer noch als die stolzen und unnachgiebigen „Vertreter des Lebens am widerspenstigen Rand der Zivilisation“. Tatsächlich aber sind sie schon lange keine marginalisierten Indios mehr. Einige von ihnen sind inzwischen sogar zu wohlhabenden Großgrundbesitzern geworden, die ihr Land heute selbst an Siedler verpachten.

          Michael Brown hat ein wunderbares Buch geschrieben, das die wichtigsten Etappen seiner eigenen Lebensgeschichte geschickt mit der Geschichte der Awajún verknüpft. Der Ausgang stimmt optimistisch, nicht nur für die vielen noch immer unterdrückten indigenen Minderheiten in aller Welt, sondern auch für das von ihm vertretene Fach. Brown bezeichnet es als wichtigste Aufgabe der Ethnologie, den lokalen indigenen Kulturen zu einer größeren globalen Sichtbarkeit zu verhelfen. Das ist ihm mit seiner Abhandlung sicher gelungen, die bei allem Engagement nie zu falschen Idealisierungen neigt. Darüber hinaus zeigt sie, dass Ethnologen sich heute auch als Chronisten der Veränderungen innerhalb der von ihnen untersuchten Gesellschaften verstehen lernen sollten.

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