https://www.faz.net/-gr3-x6vk

Am Rand der Gesellschaft : Mitspielen oder zuschauen?

  • -Aktualisiert am

Zuflucht für die Randständigen der Gesellschaft: Hartz-IV-Kneipe in Leipzig Bild: picture-alliance/ dpa

Kein Wettbewerb ohne Verlierer. Die Ausleseverfahren lassen jedoch immer Menschen übrig, die nirgendwo mehr Anschluss finden. Der Soziologe Heinz Bude nennt sie die Ausgeschlossenen und erklärt, warum es gegen diese Art der Ausschließung kein Mittel gibt.

          3 Min.

          Der Titel „Die Ausgeschlossenen“ gibt zwar das Grundthema des Buches richtig wieder, aber er erinnert zu stark an „Soziologie als moralische Anstalt“, und von diesem Konzept ist der Autor Welten entfernt. Er arbeitet mit scharfen Begriffen und harten Beobachtungen und versteht es meisterlich, systematische Zusammenhänge mit Unterscheidungen zu bündeln. Ihm missfällt manches an den derzeitigen Verhältnissen, aber er weiß, dass wir die Gesellschaft nicht prinzipiell ändern können. Deshalb fordert er von denen, denen sie überhaupt etwas bedeutet, die anderen zu ertragen und möglichst zu verstehen. Die, die nirgendwo mehr Chancen haben, lautet seine Botschaft am Schluss, haben ihre eigene Kultur.

          Bude setzt voraus, dass jede Gesellschaft soziale Ungerechtigkeit und Armut kennt. Beides könne man als Ergebnis eines Ausleseverfahrens begreifen, das jede Gesellschaft treffe, weil jede mehr Möglichkeiten biete, als ihre Bürger wahrnehmen könnten. Die Ausleseverfahren ließen jedoch immer Menschen übrig, die nirgendwo mehr Anschluss fänden. Das seien die Ausgeschlossenen. Gegen diese Art von Ausschließung gebe es kein Mittel. Hilfen des Staates verschlimmerten möglicherweise die Situation der Ausgeschlossenen. Wer in normalen Verfahren keine Arbeitsstelle finde und dann selbst bei staatlicher Unterstützung nichts erreiche, habe eben gar keine Chancen mehr.

          Kein Wettbewerb ohne Verlierer

          Wirtschaftlich bedeute die Auslese, dass auf der einen Seite die Nachfrage nach motivierten, qualifizierten und inspirierten Arbeitskräften wachse und sich auf der anderen Seite die Bereitschaft verschärfe, eine unmotivierte, ungelernte und unwissende Bevölkerung auszuschließen. Dieses allgemeine Phänomen wirke sich auf die einzelnen Individuen aber unterschiedlich aus. Es gibt „eine Gruppe von Menschen in guter Lage, die sich trotzdem ausgeschlossen fühlen, wie eine Gruppe von Menschen in schlechter Lage, die sich aber bestens eingeschlossen fühlen“. Mit Statistik kann man das Problem daher nicht klären, nur verdunkeln. Kurz: Wettbewerb ohne Verlierer gibt es nicht.

          Dann beschreibt Bode einzelne Typen von Ausgeschlossenen und Ghettos, in die sie sich zurückziehen. Anfällig für Ausschließungen seien die Arbeiter der Landwirtschaftsindustrie in der früheren DDR und ihre Abkömmlinge, jüngere Stadtbewohner mit islamischem Hintergrund, alleinerziehende Mütter, verwilderte Jungmänner und „ausbildungsmüde Jugendliche“ (mit einer scharfsinnigen Pisa-Kritik). Praktiziert werde die Ausschließung über Ansteckungsängste, wie bei Seuchenvermeidungen.

          Protest mit dem Körper

          Am stärksten beeindruckt die Analyse der Befindlichkeiten der ostdeutschen Landwirtschaftsindustriearbeiter. Budes Analyse blendet die politischen Verhältnisse in der früheren DDR vollkommen aus, und doch fühlt man sich zu der Frage gedrängt: Haben die Arbeiter keine Stasi, keine Willkür und keine Mangelwirtschaft gekannt? Für das Selbstwertgefühl kommt es darauf in der Tat nicht an. Entscheidend ist, dass sich die Arbeiter als Avantgarde des sozialen Fortschritts gefühlt haben und dass dieses Bewusstsein durch die Wende ernstlich verletzt wurde. Die Verletzung führte zu Hass auf den Westen und auf die Ausländer. Ausschließung im Falle der DDR also nicht das Ergebnis einer falschen Politik oder von Ausbeutung oder Verschwörung, sondern die Folge einer Entwicklung und Veränderung der Gesellschaft, gleichsam die Bruchzone einer tektonischen Verschiebung im Sozialen.

          Nicht minder beeindruckt, wie der Verfasser einen Gesichtspunkt in die Diskussion einführt, den soziologische Darstellungen eher auszublenden pflegen: den Körper. Bei ihm enden die Prozesse des sozialen Ausschlusses. Zuerst wird der Körper ausgespielt, in Sex, Gewalt und Drogen. Er ist das einzige Vermögen, das der Ausgeschlossene noch hat. Mit ihm kann er angeben und im ersten Zugriff herrschen. Aber dann verbraucht sich der Körper schneller als bei den „Eingeschlossenen“, durch Rauchen, falsche Ernährung und zu wenig Bewegung.

          Was soll man dazu sagen? Der Rezensent findet keinen Ansatz für Widerspruch, aber Grund für großes Lob. Bude hat die Realität klar und treffend beschrieben und uns aus dem „Traum der gerechten Gesellschaft“ gerüttelt. Wir sollten uns an den Gedanken gewöhnen, dass sich die Struktur der Gesellschaft zwar an der individuellen Person orientiert, dass die Gesellschaft aber gerade deshalb auf das konkrete Individuum nur wenig Rücksicht nehmen kann.

          Heinz Bude: „Die Ausgeschlossenen“. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft. Carl Hanser Verlag, München 2008. 141 S., geb., 14,90 Euro.

          Weitere Themen

          Siehst Du, wieviel Frauen lesen?

          Frankfurter Buchmesse : Siehst Du, wieviel Frauen lesen?

          Obwohl mehr Frauen als Männer Bücher kaufen, werden deutlich mehr Bücher von männlichen Autoren besprochen, und zwar von deutlich mehr männlichen Rezensenten. Dank #frauenzählen gibt es belastbares Datenmaterial – und die Aussicht, dass sich etwas tut.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.