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: Am Anfang war Sir Walter

  • Aktualisiert am

Der historische Roman war eine Modegattung des neunzehnten Jahrhunderts. Angeregt durch Walter Scotts "Waverley" (1814), trat er innerhalb weniger Jahre seinen Siegeszug durch ganz Europa an. Von Anfang an ging es dabei nicht nur um eine Rekonstruktion vergangener Welten und Zeiten, sondern immer ...

          3 Min.

          Der historische Roman war eine Modegattung des neunzehnten Jahrhunderts. Angeregt durch Walter Scotts "Waverley" (1814), trat er innerhalb weniger Jahre seinen Siegeszug durch ganz Europa an. Von Anfang an ging es dabei nicht nur um eine Rekonstruktion vergangener Welten und Zeiten, sondern immer auch um das Verhältnis von Gegenwart und Geschichte, um eine Spiegelung gegenwärtiger Probleme im Lichte der Vergangenheit. Das oft akribische Quellenstudium der Autoren führte deshalb selten zu geschichtstreuen Artefakten; vielmehr überlagern aktuelle Aussageabsicht und poetische Eingriffe die historische Darstellung und sorgen für das Entstehen ganz individueller, subjektiver Zeit- und Epochenbilder.

          Die Herausarbeitung des jeweiligen Gegenwartsbezugs ist eine der Leitfragen, die Barbara Potthast ihrer Untersuchung von ausgewählten historischen Romanen des neunzehnten Jahrhunderts zugrunde legt. Sie liest sie als Kommentar zu den politischen Emanzipationsversuchen der Epoche und forscht mithin den Stellungnahmen zu Revolution und Restauration nach. Die Französische Revolution markiert dabei die entscheidende, geradezu gattungskonstituierende Zäsur: Sie trennt Vergangenheit und Gegenwart unwiderruflich voneinander ab und ermöglicht das Eintauchen in eine ferne Zeit, die allerdings kaum noch als plausible Vorgeschichte der eigenen Epoche erscheint. Diskontinuität und Verlust prägen den Blick in die Vergangenheit.

          Die Kunst des Historismus und die Mode des historischen Romans deutet Potthast als Gegenbewegung zu dieser Verlusterfahrung. Unter Rückgriff auf vergangene Stile und Anhäufung zahlreicher Details werden dichte Kunstwerke kreiert, die sich bei genauem Hinsehen als brüchig erweisen. Die Syntheseleistung der Romane, die Vermittlung des zentralen "politischen Konflikts zwischen feudalistischer und neuer Gesellschaftsordnung", symbolisiert oft durch ein die verfeindeten Lager überwindendes Liebespaar, überzeugt deshalb oftmals nicht. Geschichtspessimismus und nicht Fortschrittsoptimismus ist der Tenor der Romane, wenn sie, oberflächlich gelesen, auch etwas anderes behaupten.

          An sieben Romanen werden diese in den beiden einleitenden Kapiteln vorgestellten Thesen exemplifiziert. Zur Analyse der Form, die an Strukturen des Nebeneinanders interessiert ist, tritt der genaue inhaltliche Nachvollzug, der die idealtypischen Konfliktfelder in ihrer je spezifischen Ausprägung aufzeigt. Das Spektrum reicht dabei von Walter Scotts "The Bride of Lammermoor" (1819) bis zu Fontanes "Vor dem Sturm" (1878) und deckt somit weite Teile des Jahrhunderts ab. Zu begrüßen ist die komparatistische Perspektive, so dass neben Scott auch Victor Hugos "Notre-Dame de Paris" und Flauberts "Salammbô" Einzeluntersuchungen gewidmet werden.

          Allerdings zeigt sich bei fortschreitender Lektüre, dass Potthasts Analyseinstrumentarium nicht einer gewissen Statik entbehrt. Immer wieder wird nach den gleichen Strukturen gefahndet - etwa nach Figurationen einer spezifisch väterlichen oder mütterlichen Ordnung, die mit Momenten von Stärke und Aggression beziehungsweise Schwäche und Unterordnung verbunden und auf die widerstrebenden Systeme von "Feudalismus" und "neuer Gesellschaftsordnung" bezogen werden. Dadurch werden die spezifischen Unterschiede zwischen den Texten eher verwischt. Auch der stets als Schlussresümee behauptete Geschichtspessimismus oder gar -fatalismus der Texte ist oft nicht plausibel.

          Victor Hugos "Notre-Dame de Paris" liest Potthast dezidiert vor dem Hintergrund des neunzehnten Jahrhunderts. Bezieht sie die romaninterne Kritik an der Renaissance, die das mittelalterliche Paris zerstört habe, auf die Architektur des neunzehnten Jahrhunderts und deren Umgang mit den Bauten der Vergangenheit, so den Ansturm der Bettler auf die Kathedrale zur Befreiung Esmeraldas auf den Sturm der Bastille 1789. Die Perspektive ist auch in diesem Fall eine kritische: Hugo zeige anhand des unkoordinierten, in Plünderungen ausartenden und letztlich scheiternden Aufstands, wie der politische Angriff auf Staat und Kirche "in einen Affekt des Eigennutzes und der Gewalttätigkeit" umschlage. Eine geglückte Revolution schimmert nur als Zukunftsbild auf, das diffus bleibt. Als "Revolutionsroman" sei "Notre-Dame de Paris" damit gescheitert.

          Signale der Ironie macht Potthast in Fontanes großem Geschichtsroman "Vor dem Sturm" aus. Einen "Roman über die Epoche der Befreiuungskriege, der ausführlich und differenziert von der bedrückenden preußischen Situation und der Vorbereitung des lang erwarteten Kriegs erzählt", sich dann aber nach Schilderung eines kläglich scheiternden Einzelunternehmens vorzeitig ausblendet und am Ende ganz ins Private zurückschwenkt, kann man denn auch getrost unter dieser Perspektive sehen.

          Insgesamt vermag diese Arbeit nicht ganz die selbstgesetzten Vorgaben einzulösen. Die geduldige Detaillektüre geht allzu schnell in das Wiedererkennen der Leitthemen über, die Analyse hält nicht immer mit der Deutung Schritt. Die in der Einleitung aufgezeigte Verfahrensweise historistischer Kunst indes hätte sich als poetologische Struktur der Texte vielleicht noch stärker herausarbeiten lassen, als die Autorin demonstriert.

          THOMAS MEISSNER

          Barbara Potthast: "Die Ganzheit der Geschichte". Historische Romane im 19. Jahrhundert. Wallstein Verlag, Göttingen 2007. 388 S., br., 32,- [Euro].

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