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: Am Anfang war das Hinsehen

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Zwei oder drei Blicke genügen. Etwa die von Anna Karina und Jean-Paul Belmondo in Godards "Pierrot le Fou". Sie gelten vor allem einander oder der Kamera, aber mit ihnen werfen auch wir Zuschauer einen neuen Blick auf die Welt. Selten hat das Kino uns die Welt in einem derart neuen Licht gezeigt wie Anfang der Sechziger die "Nouvelle Vague".

          Zwei oder drei Blicke genügen. Etwa die von Anna Karina und Jean-Paul Belmondo in Godards "Pierrot le Fou". Sie gelten vor allem einander oder der Kamera, aber mit ihnen werfen auch wir Zuschauer einen neuen Blick auf die Welt. Selten hat das Kino uns die Welt in einem derart neuen Licht gezeigt wie Anfang der Sechziger die "Nouvelle Vague". Die Leinwand erbebte unter einem unglaublichen Augenöffnen.

          Auch kaum zu glauben: Über die "Nouvelle Vague", diese wohl wichtigste Bewegung des europäischen Nachkriegskinos und Geburtsstätte des Autorenfilms, gab es bisher tatsächlich keine deutschsprachige Gesamtdarstellung - nur Monographien zu einzelnen Regisseuren und die unvergleichliche Sammlung der Essays von Frida Grafe. Auch der von Norbert Grob und anderen herausgegebene Band, der im Bender Verlag eine Reihe mit dem Titel "Genres/Stile" eröffnet hat, schließt diese unbegreifliche Lücke nicht: "Nouvelle Vague" (224 Seiten, 12,90 [Euro]). Dafür ist er mit gut 200 Seiten zu knapp und als Sammelband mit 27 Texten von 14 Autoren zu disparat und eklektisch in seinen Perspektiven. Aber immerhin legen diese Texte eine Grundlage, auf der eine solche Darstellung zu schreiben wäre. Und lohnenswert ist ihre Lektüre unbedingt!

          Nur ganz wenige Seiten braucht der Leser, um schon von Grobs Einleitung hineingezogen zu werden in die Kinoleidenschaft jener Handvoll französischer Autoren, die in den fünfziger Jahren das Kino neu erfanden. Gelassen skizziert Grob die Vorgeschichte dieser Epoche, die durch die ersten Filme von Agnès Varda und Claude Chabrol und die Texte der "Cahiers du cinéma" gebildet wird, bevor im Wunderjahr 1959 mit Godards "Außer Atem", Truffauts "Sie küssten und sie schlugen ihn" und Resnais' "Hiroshima, mon amour" das Kino auf immer ein anderes wurde. Der Begriff der "Nouvelle Vague" hat übrigens, auch daran erinnert Grob, seinen Ursprung nicht in Kino oder Filmwissenschaft, sondern in einer Artikelserie des "L'express", die im Herbst 1957 das Lebensgefühl der Jugend auf diesen Begriff brachte, das dann in den Filmen der neuen Welle seinen adäquatesten Ausdruck fand.

          Noch eine Erinnerung: Die "Nouvelle Vague" war kämpferisch, und sie war eine Bewegung, die mit Filmkritik begann. Am Anfang war das Hingucken, doch gleich danach kam die Langeweile gegenüber den Klischees des Mainstream-Kinos, der Überdruss an den Konventionen, die nicht zuließen, das zu zeigen, was man sah: "Wir können euch nicht verzeihen", schrieb Godard in einem frühen Text, "dass ihr nie die Mädchen gefilmt habt, so wie wir sie mögen, Jungen, denen wir täglich begegnen."

          Die verkörperten dann Anna Karina und Jeanne Moreau, Jean-Paul Belmondo und Jean-Pierre Léaud, die erst mit den Filmen der "Nouvelle Vague" als Darsteller "gemacht" wurden, und ungesehene Haltungen und Typen auf die Leinwand brachten. Geschickt verbindet der Band Porträts dieser und anderer Schauspieler mit jenen der wichtigsten Regisseure: Psychologisierend und zitatgespickt, dabei vergleichsweise blass und ohne eigenständige These bleibt der Beitrag zu Truffaut; umso anregender ist Bernd Kiefers Text zu Godard, der dessen Modernität im "Spiel des Kinos mit sich selbst" erkennt, trotz aller Genfer Bilderstürmerei in der französischen Geistesgeschichte verankert und überzeugend mit Montaignes Wissen um das "Schaukeln der Dinge" verknüpft. Hinzu kommen Aufsätze zu einigen Grundsatzfragen: Das Kino selbst und die Filmgeschichte werden in diesem selbstreflexiven Kino zu Leinwandpersonen, die Frauen werden befreit, von Objekten zu aktiven, auch fatalen, jedenfalls aber handelnden Subjekten. Es geht in diesen Filmen um die Liebe und das Leben, doch beides ist unbedingt mehr als schiere Alltagswirklichkeit, ist immer auch Utopie.

          Diese verbindet die "Nouvelle Vague" mit dem Roadmovie, dem Aufbruchsgenre schlechthin und Thema des zweiten Bandes von "Genres/Stile": "Road Movies" (Hrsg. Norbert Grob/ Thomas Klein. 191 Seiten, 12,90 [Euro]). Bewegung eint beide - an Roadmovies hat die "Nouvelle Vague" trotzdem allenfalls einen halben hervorgebracht: "Pierrot le Fou". Und auch sonst fällt einem aus Europa nur Wenders' "Alice in den Städten" ein. Der Roadmovie ist wie wohl sonst nur der Western das uramerikanische Genre schlechthin. Und wie sonst nicht oft kommt hier das Kino für Augenblicke ganz zu sich, wird erkennbar als Kunst reiner Bewegung und des Glücks in ihr. In einer Reihe von konzentrierten Beiträgen arbeiten die Autoren des Bandes die Geschichte und die wichtigsten Facetten dieses Genres heraus. Ihre Verwurzelung in der Malerei der Gegenkultur und deren rebellischem Lebensgefühl wird dabei gezeigt, wie umgekehrt und nur scheinbar paradox in den antiurbanen Erfahrungen des amerikanischen Herzlandes im Mittleren Westen. Der Vergleich zum Western, mit dem der Roadmovie doch außer der Bewegung auch eine spezifische Landschaftserfahrung und -darstellung teilt, wird allerdings leider nur gestreift. Besonders erwähnenswert ist Kai Mihms kurzer Text zu den "Rennfilmen" - nicht "Rennfahrerfilmen"! - unter den Roadmovies. Während sich Wim Wenders' üppige "Flüchtige Notizen zum Unterwegssein" über eine Promotiontour, die ihn in vier Wochen von Berlin über Frankfurt, Belgrad und diverse US-Städte führt, bei allem Charme dann doch auf die nicht völlig neue Bemerkung reduzieren lassen, dass es sich unterwegs "wacher und intensiver" lebt als zu Hause.

          Lesenswert, wenn auch im Zusammenhang etwas deplaziert, ist schließlich Knut Hickethiers Essay zu den gar nicht so wenigen deutschen Roadmovies. Darin findet sich der entscheidende Satz: "Es geht also mehr darum, überhaupt die große Fahrt zu wagen als darum, irgendwo anzukommen." Das ist es wohl, im Kino wie im Leben.

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