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Alva Noë: Du bist nicht Dein Gehirn : Was denkt das Knie am Nachmittag?

Bild: Piper

Neurowissenschaftler folgen gern ihrer Neigung, uns aus dem Gehirn zu entschlüsseln. Alva Noë aber führt exzellent vor Augen, warum sich in den Neuronen nicht finden lässt, was Bewusstsein ausmacht.

          3 Min.

          Wir denken mit dem Kopf. Ganz zweifellos, werden da viele sagen, womit denn auch sonst. Doch wohl nicht ernsthaft mit dem Knie, wie es Joseph Beuys und Jacques Derrida bei Gelegenheit behaupteten. Zuzugeben ist jedenfalls, dass das Knie gegen den Kopf keine besonders guten Chancen hat, wenn man sich denn zwischen den beiden in dieser Hinsicht entscheiden muss. Die Füße oder der Ellenbogen natürlich genauso wenig, und setzte man diese Operation der Subtraktion schrittweise fort, wäre zum Schluss der ganze Körper drangegeben, bis eben auf den Kopf.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Weil das ohnehin schon eine sehr merkwürdige Konstruktion ist - ein Kopf ohne alles -, kann man dann ruhig noch einen Schritt weiter gehen und aus diesem Kopf das Gehirn herauslösen. Dann ist man beim berüchtigten „Gehirn im Tank“ angekommen, einem Gedankenexperiment, das sowohl in der Philosophie als auch in der Science-Fiction seine Spuren hinterlassen hat.

          Man stelle sich nur ein Gehirn ohne Körper vor

          Alva Noë, Philosophieprofessor in Berkeley, kommt gleich zu Beginn seines Buchs auf dieses vorgestellte körperlose Gehirn zu sprechen. Denn es führt für ihn jene Tendenz der Neurowissenschaften gut vor Augen, gegen die er sich wendet. Die Neigung nämlich, das Gehirn als Ort des Denkens anzusehen, als Generator jener Welt, die dem Besitzer dieses Gehirns erscheint; verknüpft mit der neurowissenschaftlichen Nutzanwendung, dass man nur das Gehirn untersuchen muss, will man sehen, wie Wahrnehmung, Gedanken und Bewusstsein sich bilden - eben im Kopf.

          Für Noë charakterisiert diese Neigung den Mainstream der Hirnforschung, und richtig ist daran jedenfalls, dass man auf neurowissenschaftlichem Terrain sehr häufig auf Folgen dieser Vorstellung stößt: auf ein für sich betrachtetes Gehirn, an dem sich ablesen lassen soll, wie wir zu unserer Welt und ihrer bewussten Wahrnehmung kommen. Was uns ausmacht, so könnte man es auch formulieren, steckt nach dieser Vorstellung letztlich in ihm, weshalb es zu einer Art von Stellvertreter unserer selbst aufrücken kann - so wie das „Hirn im Tank“ nach Wegfall aller körperlichen Anhängsel.

          Gehirn entwirft eine Kulisse aus Illusionen

          Und weil manche Neurowissenschaftler zudem mehr oder minder deutlich die Ansicht vertreten, dass das Gehirn seinem Besitzer die Welt wie in einem Illusionstheater entwirft - und konsequent gedacht auch den Besitzer oder besser Betrachter dieses Theaters selbst -, also letztlich alles aus Gehirnprozessen hervorgeht, kann man sich das Gedankenexperiment mittlerweile auch ohne Tank und viele Kabel vorstellen. Dann sind wir nämlich selbst „eigentlich“ immer schon solche Gehirne oder genauer Produkte dieser Gehirne, die uns samt unseren Welten erzeugen.

          Auf den ersten Blick also so ähnlich wie in der „Matrix“, der Scheinwelt, die in Hollywood freilich von bösen Maschinen erzeugt wird, auf dass der Held und mit ihm die Zuschauer doch noch zur wahren Realität dahinter vorstoßen können. Aber im Unterschied zum Science-Fiction-Szenarium ist die behauptete Illusionskraft des Gehirns so abgründig, dass schlechterdings an keine Entlarvung der von ihm hergestellten Realität mehr zu denken ist - seine „zweite“ Realität ist einfach die „erste“.

          Ein gut kombiniertes therapeutisches Programm

          Woran man dann schon sieht, dass hier etwas nicht ganz stimmen kann. Denn wird die erzeugte Illusion so tief gedacht, dann ist sie gar keine mehr. Man kann das als eine begriffliche Korrektur solcher neurowissenschaftlichen Konstruktionen bezeichnen, und Alva Noë weiß sie anzubringen. Weil er aber auch weiß, wie schnell solche grundsätzlichen Verwahrungen wieder vergessen sind, belässt er es durchaus nicht bei ihnen, sondern sieht sich näher an, wie Wahrnehmungsprozesse - insbesondere die seit jeher als vorrangiger Modus unseres Weltzugangs behandelte visuelle Wahrnehmung - und mentale Fähigkeiten in den Neurowissenschaften meistens gefasst werden.

          Daraus entwickelt er ein gut komponiertes therapeutisches Programm, um Blickwechsel einzuüben, den Bann eingefahrener Bilder aufzulösen und Missverständnisse hirnforscherlicher Befunde bemerkbar zu machen. Klar soll damit werden, was grundsätzlich gar nicht besonders schwer einzusehen sein mag, aber trotzdem nicht immer leicht gegen den Druck neurowissenschaftlicher Phrasierungen und Auslegungen festzuhalten ist: dass Bewusstsein, Denken und Wahrnehmung weder im Gehirn noch an irgendeinem anderen Ort lokalisierbar sind, sondern in unserem Kopf lediglich eine unumgängliche Verarbeitungsstation für diese Prozesse zu finden ist. Für Prozesse, welche im Übrigen leer liefen, wären wir nicht verkörperte Lebewesen im beständigen dynamischen Austausch mit der Welt und mit den anderen.

          Das Gehirn als sinnliche und übersinnliche Instanz

          In der Regel werden selbst Hirnforscher mit deutlicher Tendenz zu den von Noë kritisierten Übertreibungen das übrigens gleich zugeben, bloß kann die Sache bei ihnen drei Absätze weiter schon wieder ganz anders aussehen. Weshalb es eben nicht schaden kann, sich möglichst deutlich und aus verschiedenen Perspektiven vor Augen zu rücken, dass das Gehirn nicht irgendwie „vor“ dem Körper kommt, dass es weder mit Netzhautbildern noch gar mit Symbolen oder anderen zu interpretierenden Repräsentationen umgeht und überdies so wenig rechnet, wie das Computer tun.

          Womit man dann schon ganz gut gewappnet ist gegen Neigungen, aus dem Gehirn eine merkwürdig sinnlich-übersinnliche Instanz unseres Weltzugangs zu machen, und das „Gehirn im Tank“ in allen seinen Varianten auf solide Weise verabschieden kann. Das Knie - nehmen wir es pars pro toto - ist dann rehabilitiert, was im Übrigen auch eine neuere, mit der Robotik verknüpfte Künstliche-Intelligenz-Forschung vorführt, auf einem Terrain also, das lange Zeit die Hochburg eines körperlosen neuronalen Primats war.

          Mit dem Kopf allein ist man eben nicht in die Welt verstrickt, an deren Bewältigung sich unsere Fähigkeiten bemessen. Am Leitfaden von Alva Noës Darstellung kann man diese Einsicht auf vorzügliche Weise festigen.

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