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: Als Rektor trug er gern die SS-Uniform

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Walther Wüst, einer der umtriebigsten Wissenschaftsmanager des ",Dritten Reichs", ist bereits vor über dreißig Jahren durch die Dissertation von Michael Kater zur Forschungsgemeinschaft "Ahnenerbe" e.V. der SS und erneut 2002 durch eine Studie der Kulturjournalisten Victor und Victoria Trimondi (alias ...

          Walther Wüst, einer der umtriebigsten Wissenschaftsmanager des ",Dritten Reichs", ist bereits vor über dreißig Jahren durch die Dissertation von Michael Kater zur Forschungsgemeinschaft "Ahnenerbe" e.V. der SS und erneut 2002 durch eine Studie der Kulturjournalisten Victor und Victoria Trimondi (alias Herbert und Mariana Röttgen) zur "politischen Theologie" führender Nazigrößen in den Blick gerückt. Während Kater in seinem 2006 in vierter Auflage erschienenen Standardwerk Wüsts Engagement für die Ideologie des "Dritten Reichs" als Mischung aus Opportunismus und Unabhängigkeitsstreben deutet und dem von ihm geleiteten "Ahnenerbe" attestiert, als Aufbereiter nationalsozialistischen Gedankenguts auf dem Umweg über die "Wissenschaft" versagt zu haben, unterstellen ihm die Trimondis, er habe das germanische Führerprinzip kosmologisieren und so die Weltherrschaftsträume Hitlers und Himmlers legitimieren wollen.

          Der Münchner Historiker Schreiber holt Wüst in den universitären Alltag zurück. Er porträtiert in seiner quellengesättigten und mit vielen neuen Deutungen aufwartenden Studie einen janusköpfigen Wissenschaftler des Jahrgangs 1901, der durch sein Engagement für den Nationalsozialismus eine beachtliche Karriere machte. Er zählt jedoch nicht zur "Generation des Unbedingten", als die Michael Wildt das altersähnliche Führungskorps des Reichssicherheitshauptamts charakterisiert hat. Zwar wirkte Wüst tatkräftig an der Gleichschaltung seiner Universität mit, wenn es um ihren Umbau im Geiste des Nationalsozialismus ging, aber er wich gelegentlich von der harten Linie ab und achtete auf die Einhaltung wissenschaftlicher Standards. Wenn er sich eine gewisse Unabhängigkeit bewahrte, so könnte dies daran liegen, dass er vor 1933 eine akademische Blitzkarriere gemacht hatte. Mit 22 Jahren hatte er in München in indischer Philologie promoviert und sich drei Jahre später mit einer Arbeit zur Geschichte des altindischen Dichtstils habilitiert. Im Jahr vor der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde er nichtbeamteter außerordentlicher Professor. Um seine Karriere zu beschleunigen, trat er 1933 in die NSDAP ein und erhielt 1935 das Ordinariat für Arische Kultur- und Sprachwissenschaft. Diese Berufung ging nicht ohne Intrigen vonstatten, doch war Wüst auch fachlich die erste Wahl. Einen weiteren Schub erfuhr seine Karriere durch sein Eintreten für den deutsch-niederländischen Pseudogelehrten Herman Wirth, den man den Vater des "Ahnenerbes" genannt hat. Wüst ergriff in dem Streit um die von Wirth fälschlich für echt erklärte altfriesische "Ura-Linda-Chronik" dessen Partei, sodass Heinrich Himmler auf ihn aufmerksam wurde. Bereits 1936 wurde er Leiter der Abteilung für Wortkunde im "Ahnenerbe" und trat 1937 in die SS ein, in der er es bis zum Oberführer brachte. Auch als Rektor trug er SS-Uniform.

          Wüst kumulierte in rascher Folge diverse akademische Ämter: Von 1935 bis 1941 war er Dekan der Philosophischen Fakultät I, von März 1941 bis Kriegsende Rektor der Universität, von 1937 bis 1945 Präsident beziehungsweise Kurator des "Ahnenerbes". Er wurde Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Vizepräsident der Deutschen Akademie, Mitglied des Führungskreises der Reichsdozentenführung, Leiter des Dozentenlagers Tännich bei Rudolstadt, Vorstand der Stiftung Maximilianeum, um nur die wichtigsten Funktionen zu nennen. Schreiber nimmt dies zum Anlass, in prägnanten Skizzen diese Einrichtungen vorzustellen. Für die eigentliche wissenschaftliche Arbeit blieb Wüst kaum Zeit. Er beschränkte sich auf die Herausgabe von Zeitschriften und Sammelbänden und hielt Vorträge. Sein Hauptwerk, ein "Vergleichendes und etymologisches Wörterbuch des Alt-Indoarischen (Altindischen)", kam nicht über drei Lieferungen hinaus.

          Wüst schöpfte als Dekan, Rektor und Präsident die Möglichkeiten aus, die ihm das Führerprinzip bot. Der Einfluss der nachgeordneten Gremien wurde eingeschränkt, vermeintliche Reaktionäre, Regimegegner und Versager, oft als "alte Geheimräte" tituliert, kaltgestellt oder verdrängt. Doch gelegentlich machte er Ausnahmen, etwa bei der Studienzulassung "jüdischer Mischlinge", der Unterbringung des in katholischen Verbindungen engagierten Historikers Götz von Pölnitz im Münchner Universitätsarchiv oder der Verhinderung der Relegation des "Mischlings" Karl von Frisch, der später als Verhaltensforscher den medizinischen Nobelpreis erhielt. Selbst bei der Verfolgung der Mitglieder der "Weißen Rose" verhielt sich Wüst "eher als Getriebener und Erfüllungsgehilfe" denn als Aktivist. Im polykratischen Gewirr der mit den Universitäten befassten Kräfte schlug er sich auf die Seite Rusts, des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, und Himmlers, des Präsidenten des "Ahnenerbes" der SS e.V., und profitierte von den Netzwerken. Dies bedeutete eine Entscheidung gegen Rosenberg, der München, die "Hauptstadt der Bewegung", zum Außenposten der von ihm geplanten Hohen Schule machen wollte, jener "obersten Stätte für nationalsozialistische Forschung, Lehre und Erziehung", die nach dem Willen Hitlers "von der Partei gebaut und erhalten" werden sollte. Diese Entscheidung Wüsts war, so paradox es klingen mag, eine Entscheidung für die Wissenschaft und für den Erhalt der Münchner Universität, die in der Endphase des Krieges zur Disposition stand.

          Schreibers ausgewogene und kenntnisreiche Darstellung ermöglicht präzise Einblicke in das akademische Leben der Nazizeit sowie in die Struktur der damaligen Wissenschaftsverwaltung, auch über München hinaus. Sie endet mit Wüsts Verhaftung durch die Amerikaner, seinem Entnazifizierungsverfahren und dem Freispruch im Ahnenerbe-Prozess, in dem es um Menschenversuche im KZ Dachau ging. Wüst starb im Jahr 1993, ohne wieder zu akademischen Ehren zu gelangen.

          FRANK-RUTGER HAUSMANN

          Maximilian Schreiber: "Walther Wüst". Dekan und Rektor der Universität München 1935-1945. Herbert Utz Verlag, München 2007. 398 S., geb., 59,- [Euro].

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