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: Als Jesus lachte

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Und wenn alles ganz anders wäre: John F. Kennedy von republikanischen Verschwörern ermordet? Der Papst ein Satanist? Wenn Jesus von Nazareth mit Maria Magdalena Kinder gezeugt hätte? All diese Verschwörungstheorien rufen nach entsprechenden Bestsellern wie Dan Browns "Da Vinci Code". Aber solche ...

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          Und wenn alles ganz anders wäre: John F. Kennedy von republikanischen Verschwörern ermordet? Der Papst ein Satanist? Wenn Jesus von Nazareth mit Maria Magdalena Kinder gezeugt hätte? All diese Verschwörungstheorien rufen nach entsprechenden Bestsellern wie Dan Browns "Da Vinci Code". Aber solche Thriller haben einen Nachteil: Es ist nur ein Buch, sagt sich der Konsument - er genießt die saubere Trennung von Fiktion und Realität und ignoriert die Abgründe des Wirklichen.

          Als im Jahr 2006 die erste Übersetzung des Judas-Evangeliums veröffentlicht wurde, funktionierten die Sensationsreflexe der Medien: Judas Iskariot, der Verräter und Selbstmörder, soll der ursprüngliche Autor eines Jesus-Berichts sein? Oder zumindest Leitfigur einer christlichen Gemeinde und Objekt der Verehrung?

          Die Spezialisten wiegelten ab: Zwar gebe es bislang keinen anderen Text, der Judas als Lieblings- und Elitejünger schildere. Aber Schriftstücke mit einer Theologie wie dieser seien bekannt aus der 1945 gefundenen Bibliothek von Nag Hammadi (einem kleinen Ort in Ägypten, wo sich 47 frühchristliche Schriften fanden). Handfest-historische Neuigkeiten über Jesus von Nazareth gebe es natürlich nicht zu vermelden. Dass das Judas-Evangelium einer der Höhepunkte in einer ganzen Reihe von wiederaufgefundenen frühchristlichen Texten ist, deren Interpretation und historische Einordnung unseren Blick auf das Christentum verändern könnte: Das sagten die Experten zwar auch, aber das interessierte die Medien nicht so sehr.

          Inzwischen sind die ersten Fachpublikationen erschienen, allen voran die Monographie "Das Evangelium des Verräters", verfasst von der Princeton-Professorin Elaine Pagels, die für ihr Buch über die apokryphen Evangelien mit dem amerikanischen National Book Award ausgezeichnet wurde, und ihrer Co-Autorin Karen L. King, Professorin für Kirchengeschichte in Harvard - zwei der besten Kenner der frühchristlichen Schriften. Die beiden Wissenschaftlerinnen kommen in ihrer Studie zu atemberaubenden Thesen über die Kontroversen im frühen Christentum. Sie interpretieren das Evangelium nach Judas Iskariot als eine scharfe und abgründige Polemik gegen den Märtyrerkult im zweiten Jahrhundert der Christenverfolgung; als Plädoyer gegen Erbsündenlehre und Kreuzestheologie und als eine Einweihung in eine "geheime Erlösungslehre" Jesu.

          Der ironische Messias

          Der Autor des "verborgenen Wortes der Verkündigung" (wie es in der Einleitung des Judas-Evangeliums heißt) schildert die Zusammenkünfte der Jünger mit Jesus in den Tagen vor Pessach, also kurz vor dem "Verrat" durch Judas. Der Bericht endet vor der Verhaftung Jesu. Zu Beginn sitzen die Jünger zusammen und sprechen den Brotsegen, als Jesus zu ihnen stößt. Jesus begegnet merkwürdigerweise seinen Jüngern mit Ironie, ja er lacht sie regelrecht aus. Das Lachen Jesu ist ein ganz außergewöhnliches Detail, von dem in den biblischen Schriften nichts zu lesen ist. Die Jünger verstehen dieses Lachen nicht und fragen: "Meister, warum lachst du über unsere Danksagung? Was haben wir denn getan? Dies ist doch das Richtige."

          Jesus sagt: "Wahrlich, ich sage euch, kein Geschlecht von den Menschen, die unter euch sind, wird mich jemals kennen." Als die Jünger das hören, werden sie zornig und verfluchen Jesus "in ihrem Herzen". Jesus sagt: "Wer von euch Menschen stark ist, der bringe den vollkommenen Menschen hervor und trete vor mich hin."

          Der "vollkommene Mensch" ist ein Topos jener spirituellen Strömung, die man seit dem 19. Jahrhundert als "Gnosis" bezeichnet - ein Sammelbegriff für religiöse Gruppen der Antike und der Spätantike, die an die Möglichkeit der geistigen Vollkommenheit des Menschen glaubten. Auch das zweite Charakteristikum der Gnosis, die Lehre von dem verborgenen Ur- und Haupt-Gott, der nicht mit dem Schöpfer der Welt identisch ist, kommt im Judas-Evangelium zu Ehren. Jesus fährt fort: "Euer Gott, der in Euch ist, . . . ist ungehalten mit euren Seelen."

          Nur einer hat den Mut, vor Jesus zu treten: Judas Iskariot. Er kann ihm allerdings (noch) nicht in die Augen schauen, weil ihm die persönliche Unterweisung durch Jesus noch nicht zuteilgeworden ist. Jesus sagt zu Judas: "Trenne dich von ihnen (von den Jüngern). Ich werde dir die Geheimnisse des Königreichs sagen. Du kannst dorthin gelangen, aber du wirst viel Kummer erleiden. Denn ein anderer wird deinen Platz einnehmen, damit die zwölf Jünger wieder vollzählig werden in ihrem ,Gott'." Der Gott der Jünger ist im Judas-Evangelium ein Gott in Anführungszeichen.

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