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: Als das Hässliche zum Bösen wurde

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Auf eine kurze meisterhafte Einführung von Robert Spaemann folgen Texte, Einführungen und Erläuterungen zu sechs Themenbereichen, die über die Frage "Was heißt Ethik?" zu "Freiheit als Voraussetzung für Sittlichkeit", "Recht und Gerechtigkeit", "Glück", "Freundschaft und Liebe" und "An den Grenzen ...

          Auf eine kurze meisterhafte Einführung von Robert Spaemann folgen Texte, Einführungen und Erläuterungen zu sechs Themenbereichen, die über die Frage "Was heißt Ethik?" zu "Freiheit als Voraussetzung für Sittlichkeit", "Recht und Gerechtigkeit", "Glück", "Freundschaft und Liebe" und "An den Grenzen der Ethik" führen; unter dem letzten Titel werden drei Texte zu den Titeln "Das Böse", "Die Reue", "Die Verzeihung" geboten. Die Herausgeber wollen keine gelehrten Kurzabhandlungen einer Metaethik präsentieren, sie engagieren sich und die Leser, und die fachkundigen Einleitungen zu den Texten von Platon bis Spaemann selbst nehmen dieses Pathos der sokratischen Dringlichkeit auf. Die Einführungen in die 26 Texte sind historisch und systematisch informativ, sie werben um ein partizipatives Lesen und Diskutieren und kritisches Aneignen. So wird die unvermeidliche Einbuße der Texte, die wir ohne ihren ursprünglichen Begründungszusammenhang lesen, kompensiert. Der Wert der gedanklichen Durchdringung des Sachproblems ist ihnen besonders durch die angehängten Fragen geblieben.

          Drei Einwände sollen hier auf engstem Raum genannt werden. Es wird in der Einleitung sogleich von den Begriffen des Guten und Bösen Gebrauch gemacht; das Böse ist jedoch den Griechen fremd - es gibt psychisch oder geistig misslungene Menschen, Homer zählt den auch körperlich missratenen Thersites zu ihnen, aber für das Böse fehlt eine Metaphysik; sie beginnt nach der Zeitenwende (unsere Abbildung zeigt den unschönen Teufel in einer Darstellung von Jelisaweta Petrovna Yakunina aus dem Jahr 1937) und hat bis in die jüngste Geschichte viel Böses angerichtet.

          Ein zweiter, ganz anderer Einwand: Platon und Aristoteles sind die am stärksten vertretenen Autoren des Sammelbandes, zeitlich folgt Epikur zum Thema des Hedonismus (knappe vier Seiten), und der nächste Autor in der Geschichtsabfolge ist Augustinus, danach, wie üblich, Thomas von Aquin. Um jedoch die neuzeitliche Entwicklung nach dem Ende der platonisch-aristotelischen Scholastik zu verstehen, muss die große stoische Formation einbezogen werden, besonders die römische Stoa mit Cicero und Seneca, aber auch Mark Aurel. Spinoza, Rousseau, Kant, sogar Fichte und Sartre sind in der Ethik und im Recht Neostoiker; ein Teil ihrer Prämissen liegt in den hellenistischen Quellen, deren Kenntnis entsprechend den Zugang zu den genannten Autoren erleichtern würde.

          Letzter Punkt: Man sucht vergeblich nach Textbeispielen, die früher der Kasuistik zugerechnet wurden, jetzt der Angewandten Ethik: Probleme der apparativen Medizin und der Ökonomie, der Ökologie, der Konflikte von Recht und Ethik etwa beim staatlich befohlenen Bombardement von Städten und ganzen Ländern. Wie steht es mit der Sittlichkeit und dem guten Leben der Piloten? Liegen hier eher die Grenzen der Ethik statt bei "Glück und Wohlwollen", den beiden letzten Titelwörtern?

          REINHARD BRANDT

          Robert Spaemann, Walter Schweidler (Hrsg.): "Ethik". Lehr- und Lesebuch. Texte, Fragen, Antworten. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2006. 560 S., br., 29,50 [Euro].

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