https://www.faz.net/-gr3-12ndk

Alois Halbmayr / Gregor Maria Hoff: Negative Theologie heute? : Die Verharmlosung Gottes

Bild: Herder

Religiöse Toleranz ist nicht nur eine Frage der Höflichkeit: Warum die umstrittene Tradition der Negativen Theologie heute wieder zu neuem Glanze kommt, zeigt ein Sammelband.

          4 Min.

          Der Schriftsteller Gottfried Benn hat, was Gott betrifft, eine bekanntermaßen lose Lippe riskiert. Als Kandidat für den Hessischen Kulturpreis wäre er im Büro Roland Kochs wohl durchgefallen. In seinen autobiographischen Schriften hält Benn unter der Überschrift „Das Religiöse und die Demut“ fest: „Eine katholische Zeitung, die mich im Einzelnen sehr gerühmt hatte, sagt zum Schluss: Fort mit diesem Mann, er findet Gott lächerlich und verachtet die Religionen. Welche Verkennung!“ Nein, er finde Gott überhaupt nicht lächerlich, erklärt Benn, wohl aber die Einsilbigkeit und Wolkigkeit, mit der er von sich reden mache.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          „Dieses große Wesen - ein Thema für sich!“, schreibt er. „Man überlege doch einmal, was es mit uns allen angerichtet hat, es hat mich doch keineswegs so reich beschenkt, dass ich mich durchfände, es hat viel verschleiert, was für mich wichtig wäre, ich muss viel herunterschlucken und bin am Ende so schlau, wie ich am Anfang war. Ergebnis: ich muss durch alles allein hindurch, durch meine Zerrüttungen, durch das Studium meiner selbst, durch die Phänomenologie meiner Ichbestände.“ Benns Resümee klingt denn auch eher nach enttäuschter Liebe als nach Religionshass: „Dies große Wesen - es hätte unbedingt seine Situation klarer herausarbeiten müssen, bevor es Forderungen präziser Art erhebt.“

          Unähnlichkeit zu Gott als Gegengift

          Dass es mit dem Sprechen über Gott eine gefährliche Sache sein kann, hat man in der Tradition der sogenannten Negativen Theologie immer schon gewusst. Die Negative Theologie tut eigentlich nichts anderes, als zu sagen, was nicht von Gott gesagt werden kann. Sie ist, wenn man so will, in jedwedem theologischen Unternehmen der Anwalt der Skepsis. Sie warnt vor falschen Erwartungen, voreiligen Schlüssen und der irrigen Annahme, man könne Gott in den Formeln, in denen er sich ausdrückt, irgendwie haben. Kann man nicht, sagt die Negative Theologie mit Gottfried Benn: Gott hat seine Situation in der Tat nicht besonders klar herausgearbeitet. Negative Theologie ist, so gesehen, die Grammatik, mit der sich überhaupt nur sinnvoll von Gott sprechen lässt - eine Grammatik der Näherung statt der angemaßten Einfühlung.

          Wie sollte Empathie mit Gott auch möglich sein? Nur eine überschätzte Ähnlichkeit, die Gott nach unserem Ebenbild erschaffen will, macht aus dem höchsten Wesen ein „Like me“-Wesen. Eine solche Vereinnahmung, die sich in der Haut des anderen wähnt, verstimmt ja schon im Zwischenmenschlichen. Religiöse Toleranz ist jedoch nicht nur eine Frage der Höflichkeit, sondern des Gefühls für die prinzipielle Vorläufigkeit der theologischen Rede. Negative Theologie legt es darauf an, die Momente der Unähnlichkeit zu verstehen. Als Gegengift zu den religiösen Fundamentalismen kommt diese skeptische Tradition der theologischen Rede zu neuem Glanz. Ein von Alois Halbmayr und Gregor Maria Hoff herausgegebener Band bewertet unter dem Titel „Negative Theologie heute?“ ihren aktuellen Stellenwert.

          Unzureichende Bezeichnungsfähigkeit

          Die Nähe der Negativen Theologie zur mystischen Tradition nimmt ihr nicht den Zug ins Nüchterne. Denn nicht alle Mystiker sind Enthusiasten. Selbst im mystischen Überschwang der Meister Eckhart, Nikolaus von Kues oder Johannes vom Kreuz steckt doch mehr Nüchternheit - und ja: Reflexion - als im Unterscheidungsfuror der alten und neuen Scholastiker. In diesem Zusammenhang erinnert das Buch daran, dass der große Konzilstheologe Hans Urs von Balthasar als eine besondere Leistung des Dionysius Areopagita, des Urvaters der Negativen Theologie, die „Synthese von Wahrheit und Schönheit, von Theologie und Ästhetik“ ansah.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.