https://www.faz.net/-gr3-792d1

Allen Frances: Normal : Normalität ist ein ziemlicher Luxus

Bild: Dumont

Pathologisierung des Alltags zum Vorteil der Pharmaindustrie: Der Psychiater Allen Frances lässt am einflussreichen neuen „Handbuch für psychische Erkrankungen“ kein gutes Haar.

          Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit. Es ist ein so ausschließliches, so egoistisches Gefühl, dass ich mich seiner fast schäme - und Traurigkeit erschien mir immer als ein Gefühl, das man achtet. Ich kannte es nicht; ich hatte Kummer empfunden, Bedauern und manchmal Reue. Jetzt hüllt mich etwas ein wie Seide, weich und ermattend, und trennt mich von den anderen.“ - Mit diesen Sätzen beginnt Françoise Sagan ihren berühmten Roman „Bonjour tristesse“.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Und wenn in diesen Tagen das fünfte „Diagnostische und statistische Handbuch für psychische Erkrankungen“ (DSM: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) in den Vereinigten Staaten herauskommt, wird dieses Zögern wieder einmal in einem neuen Sinn lesbar sein. Manche werden sich vielleicht etwas früher fragen, ob ihre Melancholie wirklich noch schön und ernst ist oder schon matt und düster, vielleicht bereits eine Depression?

          Die Grenzen zwischen Normalität und Störungen

          Im neuen Handbuch werden die Kriterien der Depression jedenfalls neu bestimmt. War früher ein Jahr die als normal empfundene Trauerzeit beim Verlust einer nahestehenden Person und durfte nach bisherigem psychiatrischen Standard beim Trauernden zumindest zwei Monate lang keine Depression diagnostiziert werden, so wird sich die Frist nach dem neuen Handbuch auf zwei Wochen verkürzen. Danach sollten die Kräfte des positiven Denkens wieder die Regie übernehmen.

          Es ist das schlagendste Beispiel für die vielen Schwellensenkungen, die das neue Handbuch bringt und die einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf unser Verständnis von Normalität nehmen werden. Das DSM, herausgegeben von der American Psychiatric Assocation, gilt als Bibel der Psychiatrie, an der sich auch der von der Weltgesundheitsorganisation erstellte ICD-Index (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) orientiert. Es schreibt die Grenzen zwischen Normalität und Störungen fest und bestimmt so über Fördergelder, Rentenansprüche, Strafmaße und Therapien. Der Arzt braucht es, wenn er seine Leistungen abrechnen will, die Pharmaindustrie braucht die Definitionen, um ihre Medikamente abzusetzen. Manchen liefert es den Vorwand, sich in Krankheiten zu flüchten oder Versorgungsansprüche anzumelden.

          Missbrauch durch die Pharmabranche

          Der aktuellen fünften Version ging eine heftige öffentliche Debatte voraus. Die Novelle, klagten über zehntausend Mediziner, werde mit ihren permissiven Definitionen und neuen Krankheitsbildern ein Heer von eingebildeten Kranken ausheben. An der Spitze der Kampagne, die in letzter Minute noch einige Änderungen abwenden konnte, stand der amerikanische Psychiater Allen Frances. Parallel zum Erscheinen des DSM hat Frances selbst ein Buch vorgelegt, das alle Vorwürfe in einer fulminanten Polemik bündelt. Die Streitschrift lebt von der Autorität ihres Autors. Unter der Ägide von Frances entstand vor zwanzig Jahren die Vorgängerversion, das DSM-IV.

          Frances spricht aus Erfahrung, und er spart nicht mit Selbstkritik. Der größte Fehler sei damals gewesen, in bester Absicht den Missbrauch der Kriterien durch die Pharmabranche nicht vorausgeahnt zu haben. Auf die Veröffentlichung des DSM-IV reagierte sie mit Kampagnen, und es folgte ein rasanter Anstieg an Diagnosen. Regelrechte Epidemien von bipolaren Störungen, Autismus und ADHS wurden losgetreten. Das neue Handbuch, sagt Frances, werde die diagnostische Inflation zur Hyperinflation steigern.

          Leben ohne Medikamente unmöglich?

          Überall sieht er die Schwellen sinken. Vergesslichkeit und Zerstreutheit würden zur leichten neurokognitiven Störung umdeutbar, Stimmungsschwankungen zur bipolaren Störung, Jähzorn zur Affektregulationsstörung. Aus allgemeinen Sorgen werden „Angst und depressive Störung, gemischt“, für reizbare und aggressive Kinder wurde die „Disruptive Mood Dysregulation Disorder“ erfunden, für Schüchterne steht die soziale Phobie bereit. Zu allem Überfluss habe das neue DSM die substanzlosen Verhaltenssüchte eingeführt, von der Kaufsucht bis zur Sexsucht. Ein unproblematisches Seelenleben können bald nur noch Haushaltsroboter führen.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Basho: „Matsushima“

          Frankfurter Anthologie : Basho: „Matsushima“

          Das in diesen unüberbietbar einfachen Versen angestimmte Lob einer Kieferninseln erfüllt die von dem Dichter Basho aufgestellten Regeln für ein Haiku ganz genau. Aber ist das Werk auch von ihm?

          Topmeldungen

          EU-Gipfel in Brüssel : Im absoluten Krisenmodus

          Die Stimmung auf dem EU-Gipfel in Brüssel ist gereizt. Die EU will Theresa May nicht geben, was sie will, die Stimmen aus ihrer Heimat sind vernichtend. Und dann löchert Angela Merkel die Premierministerin noch mit Fragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.