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: Allen, die Spaß an der Freude haben

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Sancho Pansa mahnte einmal Don Quijote, als der sich trübseligem Tiefsinn hingab: "Gnädiger Herr, die Traurigkeit ist zwar nicht für Tiere, sondern für Menschen gemacht, allein wenn die Menschen ihr über alles Maß nachhängen, so werden sie zu Tieren." Er wußte, daß Lachen den Mensch vom Tiere unterscheidet, eine volkstümliche Gewißheit, die auf Aristoteles zurückgeht.

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          Sancho Pansa mahnte einmal Don Quijote, als der sich trübseligem Tiefsinn hingab: "Gnädiger Herr, die Traurigkeit ist zwar nicht für Tiere, sondern für Menschen gemacht, allein wenn die Menschen ihr über alles Maß nachhängen, so werden sie zu Tieren." Er wußte, daß Lachen den Mensch vom Tiere unterscheidet, eine volkstümliche Gewißheit, die auf Aristoteles zurückgeht. Dennoch hielten der Philosoph und mit ihm alle verständigen Griechen lautes Lachen jenseits der Jugend nicht für einen Ausdruck übermütiger Lebenslust, sondern tadelten es als Zeichen schlechter Erziehung und auffallender Vulgarität. Vom Lehrer des Aristoteles, von Platon, ist überliefert, nie übermäßig gelacht zu haben. Er bestätigte damit, nicht nur weise gewesen zu sein, sondern sich stets vornehm betragen zu haben.

          Diesem Schöngeist und Aristokraten unter den Philosophen unterstellt Manfred Geier, das Lachen aus der Philosophie vertrieben zu haben ("Worüber kluge Menschen lachen". Kleine Philosophie des Humors. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006. 284 S., geb., 16, 90 [Euro]). Platons großer Einfluß verhinderte, wie Manfred Geier bedauert, ein kräftigeres Nachwirken des "lachenden Philosophen" Demokrit. Manfred Geier schwärmt für diesen klassischen Spaßvogel, von dem wir nicht viel wissen. Denn wer Spaß an der Freude hat, bestätige eine liebenswürdige Mitmenschlichkeit, die den Charme der Demokratie ausmacht. Allerdings könnte man mit vielen antiken Kritikern der allzu lustigen Nachdenklichkeit vermuten, daß sich im Lachen über die Torheiten der Menschen eine ungemeine Überheblichkeit und Unerzogenheit bekundet. Mögen alle Spinner sein, der einzige, der nicht spinnt, ist der, der über die anderen lacht.

          Griechen oder Römern - vertraut mit den Frechheiten und Grobheiten der professionellen Komiker - mißfiel alles Übertriebene und Allzumenschliche. Dann war das Tierreich allzu nahe, von dem der wahre Mensch als schöner Mensch sich abwenden müsse. Der schöne Mensch lächelt, er strebt nach geistiger Anmut und besonnener Heiterkeit. Die Witzbolde Diogenes oder Demokrit mögen geistreiche Augenblicke gehabt haben, aber mit ihren Eigenwilligkeiten verletzten sie die Anmut und Höflichkeit. Sie blieben Sonderlinge, unbrauchbar für eine Lebenskultur, die nach innen strebte, zur Seelenschönheit, zur stillen Freude, die eine ernste Sache ist, weil mit dem guten Geschmack verbunden.

          Vom Geschmack redet Manfred Geier nicht, obschon das Komische mit ihm zusammenhängt. Im Reich der schönen Sitten ist das Laute und Grelle verpönt. Dort herrschen die Freude und die Fröhlichkeit. Weil er diese sozialästhetischen Phänomene nicht beachtet, überspringt er das christlich-antike Mittelalter als eine witzlose Zeit. Abgesehen von Scholarenulk und ländlichem Klamauk, Klerikerscherzen und antiklerikalem Spott, steht die Freude, die allem Volk widerfahren wird, im Mittelpunkt der Verkündigung der "Frohen Botschaft". Zur Freude gehört das Fest. Im höfischen Fest findet die Aristokratie mit dem Herrscher der Welt zu ihrer realisierten Idealität, zum Dasein in Freude.

          An den Hohenstaufern rühmte man ihr dauerndes, holdes Lächeln. Eleganz, Geistesgegenwart, Lebhaftigkeit, Freude - alle durch mäßigende Weltklugheit in Balance gehalten - ermöglichten jene Leichtigkeit, die zum guten Ton gehörte, zur höflichen Seelenschönheit beim Umgang mit Gott und der Welt. Leben von rückwärts gelesen bedeutet Nebel. Wer sich von den Undurchsichtigkeiten im Traum des Lebens nicht narren läßt, der gewinnt die hilaritas modesta, die besonnene Heiterkeit Christi, des wahren, schönen Menschen.

          Wer nach Gründen für das Lachen sucht, ist nicht fröhlich. Das gab der spottlustige Voltaire zu bedenken, dem es nie gelang, sein Gesicht in liebenswürdiger Ruhe zu halten. Ihm genügte es, sich an Empfindung und Ahnung zu halten statt an dürre Begriffe. Manfred Geier läßt sich von dieser Warnung nicht schrecken und wird darüber zum Pedanten. Er macht sich im Sinne weltkluger, klassisch gebildeter Menschen des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts lächerlich.

          Ein Bonmot von Sigmund Freud, daß ordentliche Professoren meist nichts Außerordentliches, und außerordentliche nichts Ordentliches geleistet hätten, nimmt er zum Anlaß umständlicher Überlegungen. Bei aller Freude an Begrifflichkeit verzichtete Manfred Geier dennoch darauf, Lachen, Witz, Ironie, Satire oder Humor voneinander zu scheiden. Er erwähnt, daß Humor eine bourgeoise Eigenschaft ist, dadurch historisch bedingt und begrenzt. Mit dem Bürgertum verschwindet der Humor, der bürgerliche Humor. Gleichwohl behandelt er den Begriff zeitlos, als hätte es Humor schon bei den alten Griechen gegeben. Dabei ist es ein Glück, daß Aristophanes kein bürgerlicher Humorist, etwa ein attischer Kotzebue, war.

          Von Freud kennt Manfred Geier die Einsicht Goethes, daß der Witz immer ein Publikum braucht, also ein sozialgeschichtliches Phänomem ist. Nichts wird so rasch unverständlich wie ein gelungener Witz und damit das Lachen ferner Zeitgenossen. Der unvermeidlichen Historisierung seines Themas wich er aus. Das Humoristische hat keinen Halt und kein Gesetz in sich selbst, was Goethe nachdenklich machte, so daß es früher oder später in üble Laune ausarte oder zu Büchern führt, die der gewohnten Anmut ermangeln. "Auf ernstem Lebensgrunde zeigt sich das Heitere so schön", aber es muß einen Lebensgrund haben, der ihm hier verweigert wurde.

          EBERHARD STRAUB

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