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: Alle Vulkane sind Autodidakten

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Wenses Wegen zu folgen ist etwas leichter geworden. Immerhin haben wir nun Google Earth und können mit ein paar Mausklicks jene Schneisen nachfahren, die er in die Landschaft geschlagen hat; stets die Messtischblätter vor Augen und einen schier unendlichen Kosmos an Wissen im Kopf. Wense zu lesen aber ist etwas ganz anderes, als mit ihm, nach ihm, zu wandern.

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          Wenses Wegen zu folgen ist etwas leichter geworden. Immerhin haben wir nun Google Earth und können mit ein paar Mausklicks jene Schneisen nachfahren, die er in die Landschaft geschlagen hat; stets die Messtischblätter vor Augen und einen schier unendlichen Kosmos an Wissen im Kopf. Wense zu lesen aber ist etwas ganz anderes, als mit ihm, nach ihm, zu wandern. Oder umgekehrt: "Wandern" ist hier nur eine Chiffre für einen gleichermaßen hochspezialisierten wie denkbar universellen Zugang zur Welt. Somit ist der schlichte, goetheanisierende Titel "Wanderjahre" für dieses Buch, der Gattung nach eine Biographie in Selbstzeugnissen, zwar treffend, aber auch irreführend. Denn das vorliegende Buch ist Wenses Lebenswerk, sein Weltbuch, sein zu Lebzeiten unvollendet gebliebenes enzyklopädisches Großprojekt - oder jedenfalls eine mögliche Variante davon.

          Jürgen von der Wense (1894 bis 1966) ist ein Mythos, eine der faszinierendsten und rätselhaftesten Gestalten der deutschen Geistesgeschichte des vergangenen Jahrhunderts, zugleich immer noch lediglich Eingeweihten bekannt, von diesen freilich verehrt, für Botho Strauß etwa eine zentrale Figur in einer noch zu schreibenden "Geschichte der geheimen deutschen Literatur". Als Wense im November 1966 starb, hinterließ er in seiner Göttinger Klause etwa 30 000 beidseitig beschriebene, sowohl alphabetisch wie systematisch geordnete lose Blätter mit Nachdichtungen aus mehr als hundert Sprachen, Notaten zu allen denkbaren Gebieten des Wissens - mit Schwerpunkten auf Geologie, Landschafts- und Volkskunde, speziell der deutschen Mittelgebirge -, aber auch Essays und Entwürfen zu Theologie, Literatur oder Musik, dazu umfangreiche Tagebücher und etwa dreitausend Fotos. Außerdem sind aus Wenses Feder mehrere tausend Briefe erhalten, die nicht selten ebenfalls Reisebeschreibungen und Variationen zu seinen Wissensgebieten enthalten und oft zu Kurzessays geraten - ein unüberschaubares Werk aus allerkleinsten Teilchen und Fragmenten: "Wenn ich sterbe ist die Weltgeschichte in meinem Zimmer", schrieb er schon 1929.

          Da hatte Wense, zu Beginn der Zwanziger ein vielversprechendes Komponistentalent der Neuen Musik und befreundet mit Ernst Krenek, Eduard Erdmann und Hermann Scherchen, bereits eine erste Häutung hinter sich: Nach seinem Rückzug von der Musik hatte er sich dem Studium alter und exotischer Sprachen sowie Mythen und Sprüchen aus aller Welt, von Mikronesien bis Deutsch-Togo, gewidmet. Im Mai 1932 erlebt Wense ein weiteres Damaskus, eine "Lebenswende", als er während einer Zugfahrt in der nordhessischen Kleinstadt Karlshafen Aufenthalt hat: Dort, an seinem persönlichen "Äquator", erfährt er eine Art Initiation in die Feld-, Wald- und Wiesenkunde, der er seine ganze Kraft widmen wird. Von Stunde an macht er es sich zur Aufgabe, als ein "Mystagoge der Landschaft" die Region zwischen Nordhessen, Ostwestfalen und Sauerland sowie dem südlichen Teil Niedersachsens zu durchwandern und mit wissenschaftlicher Akribie zu verschriftlichen. Es ist kurz vor der Machtergreifung, und Wense wird, mitten im Reich des Ungeistes, zum Aussteiger auf der Suche nach der Seele deutscher Landschaft und notiert: "Wandern ist allen Diktaturen verpönt und verdächtig, weil es unabhängig und frei." Auch der Begriff "Anarchie" fällt, womit sich Wenses radikale Abkehr von der Gegenwart mit der Figur des "Anarchen" bei Ernst Jünger berührt.

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