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Alfred Russel Wallace: On the Organic Law of Change : Puzzlesteine aus dem Malaiischen Archipel

  • -Aktualisiert am

Bild: Harvard University Press

Zum hundertsten Todestag sind die Notizbücher der Sammelreise von Alfred Russel Wallace erschienen. Sie werfen ein neues Licht auf den Wissenschaftler und Konkurrenten Darwins.

          3 Min.

          Alfred Russel Wallace ist eine eigentümliche Figur in der Wissenschaftsgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Anders als vielen eminenten und einflussreichen Wissenschaftlern des Viktorianischen Zeitalters, wie etwa Charles Lyell, Richard Owen oder sogar Thomas Henry Huxley sind ihm seit Jahrzehnten zahlreiche Studien und Biographien gewidmet, doch noch immer gilt er als vernachlässigt oder gar als vergessen. Diese Einschätzung reiht sich ein in die immer wieder vorgebrachte Verschwörungstheorie, Darwin habe im Juni 1858 einen Brief von Wallace, in dem dieser seine Theorie der natürlichen Auslese vorstellte, zwei Wochen verschwiegen, um seine eigene Priorität so weit wie möglich zu sichern.

          Darüber hinaus wird Wallace häufig - und fälschlich - als Mitglied der Arbeiterklasse dargestellt, der sein gesamtes Leben als „underdog“ gegen das Establishment ankämpfen musste. Das Leben und Wirken von Wallace sowie sein Verhältnis zu Darwin sind von einem Dickicht von Mythen und Gerüchten umwoben, weswegen die Studie von John van Wyhe zu Wallaces Reise in den Malaiischen Archipel in den Jahren 1854 bis 1862 sehr willkommen ist. Van Wyhe, der maßgeblich an der Herausgabe des Gesamtwerkes von Darwin beteiligt war und jetzt an der Universität Singapur lehrt, bietet eine hervorragend historisch kontextualisierte Darstellung dieser Reise, die kurzen Prozess mit vielen Mythen um die Person macht.

          Es ging ums Geld

          Wallace gehörte nicht zur Arbeiterklasse, sondern entstammte einer verarmten Familie der Mittelklasse. Sein Bezugspunkt im Hinblick auf Habitus, Verhalten und Schreibstil war immer der Gentleman, doch in sozialen Fragen nahm er früh einen Beobachterstatus ein - er empfand sich als außerhalb des sozialen Klassengefüges stehend. Wallace musste früh die Schule verlassen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und kam in Kontakt mit frühsozialistischem Gedankengut, jedoch sah er sich selbst nie als Mitglied der Arbeiterklasse. Wallace hatte wie Darwin eine unersättliche Neugier für die Natur, aber anders als Darwin musste er seinen Lebensunterhalt verdienen.

          John van Wyhes detaillierte Rekonstruktion zeigt, dass es sich bei Wallaces Sammelreise in erster Linie um ein kommerzielles Unterfangen handelte. Wallace sammelte Insekten, vor allem Käfer und Schmetterlinge, und Vögel, um Geld zu verdienen. Mit Charles Allen brachte er seinen sechzehnjährigen Assistenten auf die Reise mit. Er heuerte lokale Hilfskräfte an - Wallace betrieb ein veritables, gut organisiertes Artensammelunternehmen und konnte auf die Einbindung Südostasiens in die globalen Verkehrs- und Handelsströme setzen. Van Wyhe bemerkt, dass ironischerweise Wallaces Ruf als Sammelreisender zahlreiche andere Sammler ins Vergessen geraten ließ.

          Bild: World Scientific Publishing Company

          Die abenteuerlustige österreichische Witwe Ida Pfeiffer reiste einige Jahre vor Wallace auf einer ähnlichen Route im Malaiischen Archipel und sammelte für den gleichen Händler wie später Wallace. Vor allem niederländische Naturforscher hatten ein intensives Interesse an der Region, doch ihre Arbeiten erschienen in Niederländisch und waren weder Wallace zugänglich, noch scheinen sich viele moderne Wissenschaftshistoriker für sie zu interessieren. Wallace hat sich große Verdienste um die Biogeographie erworben, aber er war kein einsamer Held, sondern Teil einer Gemeinschaft von Naturkundlern, die in der Region über viele Jahrzehnte aktiv war.

          Keine Feindschaft zwischen Wallace und Darwin

          Wie steht es nun um den Vorwurf, Darwin habe den Brief von Wallace verschwiegen? Alles dreht sich dabei um Brieflaufzeiten im Britischen Empire und die Abfahrtzeiten von Schiffen. Die gängigen Verschwörungstheorien behaupten, Wallace habe auf der Insel Ternate am 9. März 1858 einen Brief an Darwin aufgegeben, der am 3. Juni bei Darwin hätte eintreffen müssen. Am 8. Juni schrieb Darwin einen Brief an seinen Freund, den Botaniker Joseph Hooker, in dem er das „Prinzip der Divergenz“ erwähnte. Es wurde mehrfach vermutet, dieses Prinzip - wie eine Art sich in mehrere aufspaltet - habe Darwin aus Wallaces Brief übernommen. Darwin habe in der ersten Junihälfte seine Theorie mit Hilfe von Wallaces Ideen ergänzt und dann behauptet, den Brief mit dem Essay von Wallace erst am 18. Juni erhalten zu haben.

          Darwin schickte dann seine und Wallaces Arbeiten an Hooker und Charles Lyell, die schließlich die Vorstellung der gemeinsamen Darwin-Wallace-Arbeit am 1. Juli in London organisierten. Van Wyhe zeigt, dass Wallaces Brief eine Antwort auf einen Brief Darwins war, den Wallace erst am 9. März erhielt. Es war schlicht und einfach unmöglich, dass Wallace schon am gleichen Tag eine Antwort aufgeben konnte. Alles spricht dafür, dass Wallace seinen Brief am 25. März im Postamt auf Ternate aufgab. Die Namen und Abfahrtzeiten aller Postschiffe zwischen Ternate und Southamptom sind bekannt und zeigen, dass der Brief am 17. Juni in London und am 18. Juni in Darwins Haus sein konnte. Und Wallace zeigte sich später weitaus großzügiger Darwin gegenüber als viele seiner modernen Verteidiger: Er erkannte an, dass Darwins „Origin of Species“ eine vollständige und durch zahllose empirische Befunde abgesicherte Theorie bot, während er selbst einen, aber zweifellos wichtigen Puzzlestein beigetragen hatte.

          Die erstmals veröffentlichten Notizbücher von Wallaces Reise im Malaiischen Archipel sind eine langersehnte Ergänzung zu all den Biographien und Studien, da sie einen einzigartigen Einblick in die Entwicklung von Wallaces Denken während seiner langen Reise ermöglichen. John van Wyhe macht ausführlichen Gebrauch von Wallaces Notizen, aber erst in ihrer Gesamtheit entfalten sie ihre Wirkung und lassen Wallaces Persönlichkeit in zahlreichen Facetten hervortreten.

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