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Léon-Bloy-Anthologie : Seht diese klebrigen bourgeoisen Monster

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Radikal antimodern und zu heiligem Zorn jederzeit entschlossen: Léon Bloy auf einer undatierten Fotografie. Bild: Bridgeman Images

Unter dem Endkampf gegen eine dem Unheil verfallene säkulare Moderne tat es dieser Autor nicht: Alexander Pschera widmet Léon Bloy eine monumentale Anthologie.

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          Gegen große Vorzüge eines Andern“, heißt es bei Goethe, „gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe.“ Das gilt offenbar umso mehr, stehen den großen Vorzügen mindestens ebenso große Widerstände entgegen. Léon Bloy zählt seit einem Jahrhundert auf eine kleine, doch bedingungslos eingeschworene Anhängerschaft, und Alexander Pschera, der Herausgeber dieser neuen, monumentalen Anthologie, hat sich, um seine bewundernswerte Arbeit zu bewältigen, ebenfalls zu einer solchen heroischen Liebe entschlossen. Es kann ihm nicht leichtgefallen sein. Léon Bloys Werk ist eine Zumutung, und sein Autor hat das Menschenmögliche getan, dass niemand diese Zumutung je wieder eingemeinden könne in den Kanon frommer Gesellschaftskritik zur Verbesserung des Menschengeschlechts. Sein Christus ist nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Und in ungeduldiger Erwartung der himmlischen Waffe schlug sich der ansonsten sanftmütige Familienvater fürs Erste mit Feder und Tinte für seinen Glauben, den er in seiner gottlosen Epoche durch alle und jeden bedroht sah, besonders durch die lauen Christen selbst.

          Bloy, 1846 im südfranzösischen Périgueux geboren, starb am 3. November 1917 im Pariser Vorort Bourg-la-Reine. Sein Leben war geprägt von Armut, ständigen Wohnungswechseln zwischen Montmartre und der Banlieue, vom Druck, eine vielköpfige Familie zu ernähren; und all diese Mühe und Arbeit ist das Herzstück seiner selbsterschaffenen Lebensmythologie vom Leid des einsamen Propheten. Im Mittelpunkt aber steht ein schier unüberschaubares Werk: Romane, Pamphlete, Aufzeichnungen, Tagebücher: radikal, wenig gelesen, doch von kaum zu überschätzendem Einfluss auf die „katholische Literatur“, die im Frankreich des zwanzigsten Jahrhunderts eine so große Rolle spielt. Bloy ist recht eigentlich das Urbild jenes revolutionären Katholizismus, der alle Sünden der Moderne – Fortschritt, Materialismus, Kapitalismus – mit dem Feuer des wiedererweckten Gottesglaubens ausräuchern will: „Mit mir kann man sicher sein, für niemanden Partei zu ergreifen, wenn nicht für mich gegen die ganze Welt.“

          Ungeheure Begabung zur krassen Zuspitzung

          Um diesem Werk auf Deutsch neu Gehör zu verschaffen, hat Alexander Pschera eine angemessen radikale Entscheidung getroffen. Seine tausendseitige Anthologie sprengt die Grenzen der einzelnen Werke und setzt die mal langen, mal kurzen Bruchstücke chronologisch und thematisch geordnet wieder zusammen, versucht damit das erstarrte Schreckbild dieses „katholischen Wüterichs“ durch historischen Abstand und Zuneigung zu korrigieren. Entstanden ist das ebenso faszinierende wie verstörende Konzentrat einer Radikalkritik des modernen Frankreichs, zugleich Heldenepos, politisches Zeitbild, aber auch komische Donquichotterie.

          Die Gefahr eines solchen Verfahrens liegt auf der Hand. In Polemiken und Pamphleten, Briefen und Tagebuchnotizen spielt Bloy geradezu genussvoll mit seiner ungeheuren Begabung zur krassen Zuspitzung, zur überrumpelnden Pointe, zum provozierenden Paradox. Zuweilen aber landet dieser Kritiker rhetorischer Gemeinplätze dann doch nur beim giftigen Bonmot oder bei dialektischen Volten, denen allzu deutlich der pubertäre Wille zum „épater le bourgeois“ anzusehen ist: „Die Menschheit ist derart degeneriert, dass sie nur noch ehrbare Bürger hervorbringen kann, das heißt weiche, klebrige Monster, die weder zu den Abgründen der Sünde noch zu den Abgründen der Tugend fähig sind!“

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