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Alex Ross: The Rest Is Noise : Erkennen Sie die Melodie der Schrift?

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Bild: Verlag

Eine stupende Geschichtsschreibung der modernen Musik, die das vergangene Jahrhundert hörbar macht: Alex Ross versucht, den Klang der Instrumente mit Worten zu erfassen - eine Gratwanderung.

          Von Paul Valéry stammt eine schöne Beschreibung des Lesens, bei dem man sich gelegentlich von den Buchstaben löst, um Erinnerungen und Verknüpfungen von Erinnerungen zu folgen. Das Lesen sei wie eine Flamme, die sich ausbreite, oder wie ein Faden, der von einem zum anderen Ende brenne, wobei es gelegentlich kleine Explosionen und Flackerfunken gebe. Ob sich an diesen kreativen Abschweifungen der Wert eines Buches bemisst, wie Valéry suggeriert, mag dahingestellt bleiben.

          Der amerikanische Autor Alex Ross scheint sich jedenfalls bei seiner voluminösen Monographie über die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts dieser Eigenart des Lesevorgangs bewusst gewesen zu sein: Er macht die Assoziationen zum integralen Bestandteil seines Buches, das geradezu von Querverweisen und Referenzen lebt. Ross richtet den Blick auf die Musik, aber ins Blickfeld gerät immer auch - und zwar mehr als in anderen Untersuchungen zur Musik dieses Jahrhunderts - ein ganzer Komplex historischer, kulturpolitischer, philosophisch-psychologischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge.

          Einschüchternde Universalbildung

          Es ist dieser untrügliche Spürsinn für geschichtliche Konstellationen, der bei der Lektüre des Buches sofort in Bann schlägt. Hinzu kommt eine Erzählhaltung, die wissenschaftlichen Untersuchungen, zumal über so schwierige Themen wie den musikalischen Aufbruch seit Richard Strauss bis hin zu den jüngsten Formen experimenteller Musik, meist abgeht. Der Autor, langjähriger Musikkritiker des „New Yorker“, ist ein umfassend gebildeter, keineswegs in den Kategorien von klassischer Musik befangener Chronist von geradezu einschüchternder Universalbildung. Schon ein flüchtiger Blick auf die fünfzehn Kapitel, die dieses monumentale Werk enthält, angefangen vom Fin de Siècle über das Berlin der zwanziger Jahre, die Musik in der Sowjetunion und zur Zeit des Nationalsozialismus, über die Stunde null nach dem Krieg und die Avantgarde der sechziger Jahre, den Jazz und die Minimalisten bis hin zur Musik am Ende des Jahrhunderts und der Zeit nach der Moderne - schon dieses Panorama wird jedem Leser klarmachen, dass er sich auf eine lange Reise durch ein Jahrhundert einrichten muss, das die einfache Frage nach dem, was Musik eigentlich ausmache, neu stellt.

          Man beginnt vorsichtig nachzulesen, wer sich alles am 16. Mai 1906 in Graz versammelte, um in der österreichischen Provinz der Uraufführung von „Salome“ beizuwohnen, und begreift auch ohne Partitur oder musikalische Geschichtsbücher, allein aus der illustren Schar von Geistesgrößen und politischer Prominenz, dass es sich um ein Kulturereignis von epochalem Rang gehandelt haben muss. Es gehört zu den großen Erzählqualitäten von Alex Ross, aus einer alten Fotografie vom Eingang zum Grazer Opernhaus, auf der neben anderen Richard Strauss und Gustav Mahler zu sehen sind, eine Szene entstehen zu lassen, die die vibrierende Atmosphäre jener Jahre sinnlich erfahrbar macht.

          Mosaik des Schönen

          Und nicht nur das. Ross ist auch musikalisch umfassend geschult, kann die Details einer musikalischen Analyse zu Mosaiksteinen einer Theorie des Schönen oder gar zur Gesellschaftsstudie verbinden, wenn er etwa feststellt, dass Strawinsky mit der Sonatenform und den Dur-Moll-Variationen seines Oktetts für Bläser sein altes russisches Ich abgestreift, aber keine neue Identität gefunden habe: "Die neue Objektivität war der alte Ästhetizismus." Oder wenn er die "samtene musikalische Revolution" bei Maurice Ravel preist, der "die Sprache der Musik erneuerte, ohne den öffentlichen Frieden zu stören".

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