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Neues Buch von Aleida Assmann : Die schwache Identität ist die richtige

Berliner Wahrzeichen und deutsches Nationalsymbol: Die Quadriga des Brandenburger Tors im Sonnenaufgang Bild: Reuters

Deutschland als Avantgarde: Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann umreißt die Eigenschaften einer wünschenswerten Vorstellung von der Nation.

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Unter dem Eindruck der Globalisierung und der zunehmenden Herausforderungen, die, wie der Klimawandel, nur staatenübergreifend angegangen werden können, hat sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte die Vorstellung durchgesetzt, Staat und Nation seien überholte Vorstellungen, die im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr spielten: Regiert werde „jenseits des Staates“, und auch die Nation spiele als Projektionsfläche kollektiver Identitäten keine große Rolle mehr. Inzwischen hat sich freilich gezeigt, dass hier eine den Modernisierungstheorien verpflichtete Gruppe von Sozialwissenschaftlern und ihnen verbundene Intellektuelle – der, wie sie fanden, provinziellen Enge des Nationalen überdrüssig – ihre eigene Lebenslage mit der einer breiten Mehrheit der Bevölkerung verwechselt haben. Dabei sind sie den suggestiven Entwürfen einer kosmopolitisch-neoliberalen Vorstellung auf den Leim gegangen.

          In den Zeiten von Corona sind die Staaten als die entscheidenden Regulatoren von Lebensformen und Überlebenschancen sichtbar geworden, und unter dem Druck wachsender Migrationsbewegung hat die Vorstellung von nationaler Zugehörigkeit wieder dramatisch an Bedeutung gewonnen. Die Formel vom „gesellschaftlichen Zusammenhalt“, die seit einiger Zeit in aller Munde ist, bezieht sich im Wesentlichen auf das Kompositum National-Staat, der den Rahmen dieses Zusammenhalts vorgibt und ihn mit soziopolitischen Interventionen gewährleisten soll. Die vorherrschenden Zukunftsperspektiven sind kleinräumiger und kurzfristiger geworden.

          Aleida Assmann: „Die Wiedererfindung der Nation“. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen
          Aleida Assmann: „Die Wiedererfindung der Nation“. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen : Bild: C.H. Beck Verlag

          Aber wie sollen wir uns die Idee der Nation vorstellen in einer Zeit, da ein globaler Wirtschaftsaustausch unser Leben bestimmt, wir die Nutzer eines globalen Kommunikationssystems und die bedrängenden Herausforderungen nur noch global zu bewältigen sind? Aleida Assmann, vielfach ausgewiesene Kulturwissenschaftlerin, hält in ihrem neuen Buch Abstand zu den Problemen der operativen Politik. Sie zerlegt das Kompositum Nationalstaat in seine Bestandteile und konzentriert sich auf die Nation: Wie sollen Inklusion und Exklusion in ihr verbunden sein? Wie viel Identitätspolitik für Minderheiten stärkt die Pluralität im Innern der Nation, und ab wann schlägt Identitätspolitik in eine Spaltung der Gesellschaft um? Wie können zumal die Deutschen sich mit ihrer Nation identifizieren, die so viel Schimpf und Schande auf sich geladen hat – oder ist Stolz und Ehre, wie sie jetzt von den Rechtspopulisten allenthalben eingefordert wird, nicht nur für die Deutschen eine sozialpsychologische Sackgasse?

          Der Wert von Zuwanderung

          Aleida Assmann, die sich seit Jahrzehnten mit dem Konzept eines kollektiven Gedächtnisses beschäftigt hat und insofern eine Expertin für nationale Identität ist, lässt sich damit auf Fragen ein, die bei der linksliberalen Mitte seit langem auf der politischen Tagesordnung stehen, um deren Beantwortung die meisten sich jedoch herumgedrückt haben. Für einige ist das Thema peinlich, für andere ewig gestrig, für die meisten ist es durch Nationalismus und Nationalsozialismus kontaminiert – aber soll man es deswegen, so Assmanns Einwand, den Rechtspopulisten überlassen? Oder weiterhin darauf setzen, dass die Nation in „Europa“ aufgehen werde?

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