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Albert Londres in Afrika : Sadismus unter Palmen

Das Elend der einheimischen Arbeiter beim Bau der Kongo-Ozean-Bahn war kaum zu beschreiben. Albert Londres versuchte es trotzdem. Bild: Touring Club Italiano/Marka/UIG

Der Schlaf der Gerechtigkeit gebiert Kolonien: Der legendäre französische Reporter Albert Londres blickte in Afrika ins Herz der Finsternis – und stieß auf ein System der staatlich geförderten Sklaverei.

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          Die ersten Reaktionen waren vernichtend: Albert Londres wurde, kaum war sein jüngstes Werk erschienen, als Lump, Zuhälter, Verräter, Jude, Mestize, Lügner und sogar als gemeiner Journalist beschimpft. Das war ein Triumph. Denn die Empörung bewies, dass Londres sein Ziel erreicht hatte: Er hatte ein ganzes Land verstört und aufgerüttelt, hochgeschreckt aus dem Schlummer verkommener Selbstgerechtigkeit. Frankreich, so der Stachel, den der Reporter Londres seinem Heimatland ins Fleisch gebohrt hatte, musste sich endlich eingestehen: Es ist der Schlaf der Gerechtigkeit, der Kolonien gebiert. Das galt jedenfalls für die überseeischen Besitzungen Frankreichs, das sich für so viel besser, gerechter und zivilisierter hielt als die Rivalen England oder Belgien. Doch auch Frankreich hatte sein Herz der Finsternis, und Albert Londres hatte es schlagen hören.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Oktober und November des Jahres 1928 brachte die Zeitschrift „Le Petit Parisien“, damals ein Massenblatt mit einer Auflage von etwa zwei Millionen Exemplaren, eine Fortsetzungsreportage aus den französischen Kolonien, die über mehrere Wochen hinweg die Titelseite füllte: Berichte, Fotografien, Zeichnungen, Landkarten standen neben Impressionen, Landschaftsbeschreibungen, Fakten, Dialogen und – gut dosiert darunter gemengt – knappen, scharfen Analysen verheerender Missstände.

          Londres war eine Art subversiver Genremaler, illusionslos bis an die Grenzen des Zynismus, die er nur selten überschritt. Seine Szenen des Alltags in den Kolonien könnten Titel tragen wie „Sklavenhaltung vor Sonnenuntergang“ oder „Sadismus unter Palmen“. Aus dem Lokalkolorit, dem Pittoresken und der Exotik Afrikas schälte er das Ungeheuerliche und Abstoßende des Kolonialwesens heraus wie den stinkenden, verfaulten Kern aus einer üppigen Frucht. Er wusste, was die Leser und Leserinnen von einer großen Afrika-Reportage erwarteten – Exotik, Unterhaltung, den schwülen Kitzel nackter schwarzer Körper beiderlei Geschlechts – und gab es ihnen. Dann stieß er sie vor den Kopf, dass es krachte.

          Recherchereise in die Kolonien

          André Gide hatte 1927 und 1928 seine afrikanischen Reisetagebücher unter den Titeln „Kongoreise“ und „Rückkehr aus dem Tschad“ publiziert und immerhin erreicht, dass eine parlamentarische Untersuchungskommission eingesetzt wurde. Londres nutzte die Aufmerksamkeit, die Gide auf die Kolonien gelenkt hatte, und setzte beim Chefredakteur des „Petit Parisien“ eine viermonatige Recherchereise durch.

          Erste Abschnitte beim Bau der Kongo-Ozean-Eisenbahn, 1914.

          Für ihn war das nichts Ungewöhnliches. Londres hat mehr als die halbe Welt bereist. Wenn irgendwo etwas los war, was ihm interessant genug erschien, machte er sich auf den Weg: China, Palästina oder Galizien. Er reiste, wie ein Vogel fliegt: „weil Gott dem einen Flügel, dem anderen die Unruhe gab“. Er lebte nicht nur aus seinem Koffer, er sprach auch mit ihm. Sie waren Seelenverwandte. Wie jeder gute Journalist verließ er sich keineswegs allein auf seine Beobachtungsgabe und sein Talent, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Er arbeitet mit historischen Hintergründen und aktuellen Statistiken, schreibt Dialoge wie aus einer Boulevardkomödie und lässt seine Gewährsleute mit Vorliebe in der Ich-Form berichten, vor allem, wenn sie ihre eigenen Lebensgeschichten erzählen. Vielleicht tritt darin eine seiner Eigenarten am deutlichsten zutage: Der Reporter ist ein Sammler von Schicksalen. Er liest sie am Wegesrand auf, wie man Muscheln am Meer sammelt: mit großer Aufmerksamkeit, aber auch mit der Bereitschaft, sie ohne Zögern fallenzulassen, sobald sich ein schöneres Exemplar findet. Sein Mitgefühl ist stets auf dem Sprung. Es kommt ohne Sentimentalität aus.

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