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Alan Mikhails „Sultan Selim“ : Vergesst Europa, seht auf die Osmanen!

Er zerriss die Weltkarte in zwei Teile: Selim I. auf einer zeitgenössischen osmanischen Miniatur. Bild: Wikipedia

Ideologischer Eifer statt historische Solidität: Alan Mikhails Buch über den osmanischen Sultan Selim I. und sein Zeitalter ist ein sprechendes Beispiel für tendenziöse und verfälschende Geschichtsschreibung.

          6 Min.

          Dieses Buch ist ein großes Ärgernis. Das liegt nicht daran, dass es von Selim I. (1470 bis 1520) handelt, dem neunten Sultan des Osmanischen Reiches, der als Selim Yavuz, „der Gestrenge“, bis heute in der Türkei verehrt wird. Selim ist tatsächlich eine bedeutende Gestalt der Globalgeschichte, al­lein schon deshalb, weil er das Herrschaftsgebiet seiner Dynastie auf mehr als das Doppelte erweiterte, nachdem er das persische Reich der Safawiden und die nahöstliche Großmacht der ägyptischen Mamluken in zwei aufeinanderfolgenden Feldzügen besiegt hatte. In­dem er nach der Vernichtung der Mam­luken­armee mit der Arabischen Halbinsel auch die heiligen Stätten von Mekka und Medina in Besitz nahm, machte er das Osmanensultanat zugleich zum geistlichen Oberhaupt der umma, der Gemeinschaft aller Gläubigen im Zeichen des sunnitischen Islams. Nach dem Tod des letzten Kalifen, den Selim aus dem er­oberten Kairo nach Konstantinopel ge­holt hatte, übernahmen die osmanischen Herrscher dessen Titel samt Schwert und Um­hang des Propheten Mohammed.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Erst durch diesen Zugewinn an Legitimität machte das Reich der Hohen Pforte letztlich den Sprung von der Regional- zur Weltmacht. Fortan führte es, meist aus der Position des überlegenen Angreifers, zweieinhalb Jahrhunderte lang ei­nen Zweifrontenkrieg gegen die europäischen Staaten der Neuzeit und das wiedererstarkte Persien, bis es durch die gemeinsamen An­streng­ungen Russlands und Österreich-Ungarns wieder in die Rolle einer regionalen Größe zurückgedrängt wurde.

          Irrtümer seit tausend Jahren?

          Nein, ärgerlich ist dieses Buch, weil es seine Standpunkte abwechselnd im Predigerton und im Stil eines historischen Lore-Romans vorträgt. Schon die Einleitung verkündet vollmundig, auf den folgenden Seiten werde „eine kühne neue Weltgeschichte sichtbar“, welche mit Irrtümern aufräume, die „seit einem Jahrtausend“ Bestand hätten – obwohl die Osmanen vor tausend Jahren noch gar nicht in die Geschichte eingetreten waren. Später heißt es, wenn man die Zeit um 1500 aus der Perspektive Selims betrachte (in die sich Alan Mikhail offenbar mühelos einfühlen kann), erkenne man, welche gewaltige Rolle die Osmanen in der globalen Entwicklung gespielt hätten – „ganz im Ge­gensatz zu der kulturblinden Geschichte vom europäischen Aufstieg in der Renaissance und dem sogenannten Zeitalter der Entdeckungen“. Mit diesem ei­fern­den und anmaßenden Gestus treten fast alle historischen Schlussfolgerungen auf, die der Autor aus seiner biographischen Skizze zu ziehen versucht.

          Umso freundlicher, um nicht zu sagen: blumiger ist diese Skizze selbst abgefasst. Über Cem, den Onkel des Titelhelden, der im Machtkampf um den Sultansthron um christliche Verbündete wirbt, heißt es beispielsweise: „Wenn er über die Reling in das klare blaue Wasser des nördlichen Mittelmeers schaute, erblickte er sein eigenes finsteres Schicksal, das ihn erneut zwang, sein Vertrauen in eine ausländische Macht zu setzen.“ Ein Admiral, den Se­lim ins Rote Meer sendet, ist ein Mannsbild „mit ei­nem prächtigen langen Schnauzbart und baumstammgleichen Beinen“. Geht’s noch?

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