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Islamistische Attentate : Das Morden verstehen

Badiou macht die Rechnung auf, dass für die unteren fünfzig Prozent nichts von den Ressourcen der Mittel- und Oberschicht abfällt. Der Kapitalismus könne nicht alle berücksichtigen. Bild: dpa

Alain Badiou und Franco Berardi machen den Kapitalismus des Westens für die Morde verantwortlich. Farhad Khosrokhavar wird viel konkreter. Was verraten diese drei Bücher über Attentäter?

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          Alain Badiou, Pariser Philosophieprofessor und Alt-Maoist, hat Anfang des Jahres ein Büchlein veröffentlicht, das gerade auch auf Deutsch erschienen ist. Hierzulande trägt diese Mitschrift eines Vortrags, den Badiou wenige Tage nach den Pariser Anschlägen vom 13. November hielt, den Titel „Wider den globalen Kapitalismus“. Die Originalausgabe ist preziöser überschrieben: „Unser Übel kommt von weiter her. Die Morde des 13. November denken“.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Wie also werden die Pariser Anschläge hier gedacht? Der deutsche Titel verrät es schon: als Reaktionen auf den globalen Kapitalismus. Er tritt als die Verirrung auf, welche an allen Üblen schuld ist, die vor allem sind: Aushöhlung der nationalen Entscheidungsmacht westlicher Staaten, um die Profite einer kleinen Minderheit zu steigern, Zerrüttung der früheren Kolonialstaaten, um möglichst ungestört und gerne auch mit Gewalt der Ausbeutung zum selben Zweck nachzugehen.

          Der Kapitalismus kann nicht alle berücksichtigen

          Badiou macht die Rechnung im globalen Maßstab auf: oben die wenigen Prozente der Weltbevölkerung, die über einen Riesenanteil der Ressourcen verfügen, darunter eine Weltmittelschicht, die vom bescheidenen Rest lebt, ganz unten fünfzig Prozent, für die nichts abfällt. Über die Zahlen muss man nicht streiten. Badiou ordnet ihnen jedenfalls drei „Subjektivitätstypen“ zu. Zunächst die einer sich einbunkernden westlichen „Mittelschicht“, die zwischen selbstzufriedener Arroganz und Verängstigung über den Weltlauf schwankt; dann die Subjektivität jener, die sich nach den Konsumwohltaten des Westens verzehren; und schließlich eine „nihilistische“ Subjektivität, jene der Attentäter, die auf Rache und Zerstörung setzt. Wobei diese Attentäter nur ihrer eigenen uneingestandenen Sehnsucht nach dem kapitalistischen Westen zuvorkommen: Sie sind letztlich ein „nihilistisches Symptom der unfassbaren Leere des globalisierten Kapitalismus und seines Unvermögens, in der von ihm gestalteten Welt alle Menschen zu berücksichtigen“, Effekt einer „inneren Verstauchung“ des Kapitalismus, auf dessen zerstörerische, leere Entfaltung seine mörderische, „faschistische“ Gewalt reagiert.

          Die große Geste, mit der Badiou dabei die westlichen Staaten als bloße Fassaden und korrupte Helfershelfer des Kapitalismus beiseitefegt – Westen heißt bei ihm Profit, Konsum, Arroganz und sonst gar nichts –, hat dabei zum Reversbild die Aussicht auf das ganz andere, das erlösend hereinbrechen soll über den „verdüsterten Westen“ aus dem Jenseits der dem Kapitalismus bloß eingeschriebenen Politik. Weshalb Badiou seine Leser auch auffordert, nicht wählen zu gehen. Und stattdessen? Dazu gibt es außer Beschwörungen neuer, kreativer, transnationaler Denkweisen nichts wirklich Konkretes. Bloß noch die Empfehlung, „an die Orte zurückzukehren, wo der Volkswille zu Hause ist, oft versteckt, aber wirklich da“. Der richtige Volkswille natürlich, den der Philosoph und Marxist als solchen erkennt.

          Badiou ist in den vergangenen Jahren zu einer sehr präsenten öffentlichen Figur geworden, wird hierzulande eifrig übersetzt, jetzt zum ersten Mal in einem großen Publikumsverlag herausgebracht. Die Grundfigur einer Kapitalismuskritik, die nur Verheerungen sieht und keine politischen Wege mehr kennen will, etabliert sich. Auch ein Seitenblick auf das gerade erschienene Buch des italienischen Philosophen Franco „Bifo“ Berardi zeigt das. Er nimmt spektakuläre Morde, oft verknüpft mit Selbstmorden, als Auskunft über die „Qualen des Kapitalismus und den langsamen Untergang der sozialen Zivilisation“. Was immer man dabei von den Anmerkungen zu einzelnen Tätern und ihren Verbrechen hält, die gewählte Perspektive enthält bereits die Diagnose: Der seit den achtziger Jahren mittels Deregulierungen verschärfte Kapitalismus erscheint als Weg in ein „schwarzes Loch“, in dem Solidarität, Empathie, Imagination und überhaupt alle Quellen althergebrachter Subjektivität verdampfen. Und was dann kommen soll? Auch hier eine „ganz neue Art“ des Handelns, die gleichsam im Umkehrverfahren aus der kartographierten „Ödnis“ (Badious „Leere“) springen soll – samt ausgeleiertem Hölderlinzitat vom Rettenden in der Gefahr.

          Bevor man die Attentate denkt, sollte man ihr Umfeld gut kennen

          Möchte man ein Antipharmakon gegen solches „Alles oder Nichts“, insbesondere mit Blick auf die von Badiou zum Anlass genommenen französischen Attentate, empfiehlt sich ein solider Forschungsüberblick über die Wege in islamistisch verpackte Gewalt, in dem Badiou durchaus nachgelesen haben könnte. Der französische Soziologe Farhad Khosrokhavar holt weit aus, schildert aber auch sehr konkret, wie entsprechende Biographien, Selbstbilder und deren gesellschaftliche Kontexte aussehen. Bevor man die Attentate denkt, sollte man die Urheber und ihr Umfeld ja möglichst gut kennen.

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