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Akira Iriye und Jürgen Osterhammel: Geschichte der Welt 1945 bis heute : Verdient Bob Geldof wirklich mehr Aufmerksamkeit als Alan Greenspan?

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Daran schließt der überragende umweltgeschichtliche Teil von John R. McNeill und Peter Engelke an. In einer klaren Sprache gelingt es den beiden amerikanischen Autoren, das globale Zusammenspiel von Mensch und Umwelt nach 1945 zu verdeutlichen, von der Zerstörung des Aralsees bis zum Himmel über der Ruhr und dem Smog in Mexico City. Indem sie die zunehmenden Eingriffe der Zivilisation in das biologische Gleichgewicht herausarbeiten, setzen sie zugleich einen Kontrapunkt zum Optimismus der anderen Beiträge. Die übrigen Autoren heben das gestiegene Niveau an Frieden und Wohlstand hervor. McNeill und Engelke mahnen hingegen, dass dieser Fortschritt gänzlich in Frage gestellt wird, wenn es nicht gelingt, nachhaltiger zu wirtschaften.

Transnationalisierung des Bewusstseins

Petra Gödde behandelt den Bereich der Kultur. Sie zeigt, wie eine Vielzahl kultureller Phänomene zunehmend weltweite Bedeutung erlangte. Die größere internationale Verknüpfung führt aber nicht nur zu einer größeren Homogenität, sondern zugleich auch zu einem globalen Nebeneinander von Kulturen, so Göddes Resümee. In Singapur oder Lissabon findet sich sowohl die globale Fastfood-Kette als auch der vietnamesische Imbiss. Nicht nur hier geht eine größere Einheitlichkeit mit einer Zunahme an Unübersichtlichkeit einher. Diesen Umstand greift auch Akira Iriye im Schlusskapitel auf.

Unter dem Gesichtspunkt der Transnationalität betrachtet er die exponentielle Zunahme an grenzüberschreitenden Verbindungen in den letzten Jahrzehnten. Angesichts der Vielzahl ökonomischer, kultureller und menschlicher Kontakte postuliert Iriye die Entstehung eines transnationalen Bewusstseins in weiten Teilen der Welt. Wenn er am Ende die Wahl Obamas als einen globalen Schlüsselmoment betrachtet, sieht er den Präsidenten nicht als Heilsbringer. Wichtiger erscheint ihm die weltweite Anteilnahme und Unterstützung für Obamas Ziele.

Keine abschließende Deutung

Diese Entwicklung sieht er als fundamental positiv und hebt hervor, dass weder der Kalte Krieg noch der internationale Terrorismus den Trend zur globalen Verständigung aufhalten konnten. Man muss diesen Optimismus nicht teilen. Aber nach dem Ende historischer Großerzählungen stellt er doch den spannenden und mutigen Versuch dar, der Geschichte einen Sinn zu geben. Anmerkend könnte man fragen, warum manche Themen im Buch so gut wie gar nicht auftauchen. Die Globalisierung der Finanzwelt beispielsweise, einschließlich der Steueroasen, fehlt als Thema nahezu komplett. Auch der Sozialstaat kommt praktisch nicht vor. Obwohl oft explizit national, ist die Entwicklung sozialer Fürsorge - vom Beveridge Report bis zu Obamacare und aktuellen Diskussionen in Asien - ein Phänomen, von dem ein Großteil der Weltbevölkerung betroffen ist. Die globalen Zusammenhänge sind hier weniger anschaulich als bei der Vermarktung der amerikanischen Baseball-Liga, aber beileibe nicht minder bedeutsam.

Wer die mehr als achthundert Seiten am Stück liest, wird zudem Mühe haben, einen größeren Zusammenhang zwischen den einzelnen Teilen zu sehen. Zu groß sind die Unterschiede zwischen den inhaltlichen Schwerpunkten. Aber vielleicht liegt gerade in dem bewussten Verzicht auf eine Synthese die Botschaft. Die Geschichte der Zeit seit 1945 hat zu viele Dimensionen, um sie auf eine Deutungsmöglichkeit zu begrenzen. Wer sich darauf einlässt, wird in dem Buch ein beeindruckendes Panorama der Globalisierung und Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit finden.

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