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Ahmed Rashids „Sturz ins Chaos“ : Der afghanische Aufklärer

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Eine Patrouille britischer Gurkhas bespricht sich mit Dorfbewohnern in der umkämpften Provinz Helmland im Juni dieses Jahres Bild: AFP

Wer hat schon die Zeit, sich durch die 90.000 Dokumente von Wikileaks zu arbeiten? Das Wichtigste über Afghanistan lernt man in den Büchern Ahmed Rashids. Sein neues, alarmierendes Werk „Sturz ins Chaos“ zeigt vor allem eins: Der Erfolg der Taliban ist kein Naturgesetz.

          Neun Jahre dauert der Krieg in Afghanistan, und er wird immer schlimmer. Dieser Juli war für die amerikanischen Kräfte der verlustreichste Monat seit Kriegsbeginn. Auch die deutschen Opfer werden immer größer, und ein Ende des Einsatzes scheint in weiter Ferne zu liegen.

          Dennoch fällt es vielen schwer, die wesentlichen historischen und politischen Linien des Konflikts zu begreifen und sich eine Meinung zu bilden. Die Veröffentlichung der berühmten 90.000 Seiten vertraulicher militärischer Unterlagen auf der Internetseite Wikileaks zu Beginn der vergangenen Woche hat das Gefühl der Überforderung nur erhöht: Wer hat schon die Zeit und die Kenntnisse, das alles zu lesen und zu bewerten?

          Das Resultat einer politischen Strategie

          Der Vietnamkrieg hat Scharen von Studenten und angehenden Journalisten zu Südostasien- und Drittweltbegeisterten gemacht; im Afghanistankrieg bleibt solches Engagement aus. Weder steht eine mächtige Friedensbewegung auf den Straßen, noch ist die Emanzipation des afghanischen Volkes von der Terrorherrschaft der Taliban zur cause célèbre geworden. Fast scheint es, als würde die Privatisierung des Krieges, die das Kämpfen Söldnern und Profis überlässt, von den Bürgern intellektuell nachvollzogen, indem die Meinungsbildung einer kleinen Schar von Politikern und selbsternannten Experten überlassen wird. Gerade die deutsche Politik hat das auch jahrelang ganz gut gefunden, überzeugt davon, dass die pazifistischen Reflexe der eigenen Bevölkerung den komplizierten Realitäten der diplomatischen Verpflichtungen und realpolitischen Notwendigkeiten nicht standhalten würden.

          Ahmed Rashid

          Um Afghanistan zu verstehen, das war der Eindruck, wenn man die öffentliche Debatte verfolgte, muss man entweder uralt sein, Paschtune oder vor Kandahar unter Feuer gelegen haben, am besten alles drei. So sitzt man dann auch nach einem Kriegsjahrzehnt ratlos vor den Fernsehnachrichten und misstraut den eigenen Aufwallungen. Doch den Luxus der ewigen Delegation unangenehmer Entscheidungen gibt es in einer parlamentarischen Demokratie nicht, und darum ist es höchste Zeit, die Gemütlichkeit hinter fernen Kriegsnebeln aufzugeben und sich aufzuklären, und das beste Mittel dazu ist immer noch ein gutes Buch. Es gibt kein besseres als Ahmed Rashids „Sturz ins Chaos.“

          Die Pfiffigkeit und digitale Akrobatik der Wikileaks-Leute mag man ja bewundern, aber eigentlich bieten sie nur die Belege für die in Ahmed Rashids Büchern dargestellten Erkenntnisse. Ahmed Rashid schreibt und argumentiert wie ein aufgeklärter Historiker. Er verbindet seine persönliche Erfahrung aus jahrzehntelanger journalistischer Arbeit mit der Fähigkeit zur distanzierten und abwägenden Darstellung. Nach der Lektüre versteht man, dass die Verworrenheit und Undurchsichtigkeit der Verhältnisse in Afghanistan und Pakistan nicht etwa unserer geographischen und geistigen Entfernung vom Schauplatz geschuldet ist, sondern das Resultat einer politischen Strategie.

          Die Phrase vom gemeinsamen Kampf gegen den Terror

          Je schwerer sich der Westen damit tut durchzublicken, desto eher braucht er Partner am Ort - und wer bietet sich da charmanter an als der pakistanische Geheimdienst ISI? Der versteht von den Taliban sehr viel, nicht zuletzt, weil er sie erfunden, unterstützt und wiederbelebt hat. Zwischen pakistanischem Geheimdienst und den Taliban bestehen, so die Hauptthese von Rashids Buch, nicht nur starke persönliche und religiöse Bande, beide Gruppen sind auch durch handfeste materielle Interessen verbunden: Erst der Kampf gegen die Taliban beendete die Isolation Pakistans und ließ unvorstellbare Summen aus Amerika ins Land fließen. Pakistan hat ebenso wenig wie die Taliban ein Interesse an einer starken, säkularen afghanischen Zentralregierung. Schließlich teilen sich pakistanische und afghanische Taliban die Erlöse aus den Drogengeldern.

          Die Taliban sind, das gilt es immer wieder zu betonen, keineswegs uralte, wilde Bergkrieger, die etwa schon gegen Alexander, Briten und Sowjets gekämpft hätten; sie sind ein ganz junges Phänomen. Sie entstanden, das ist in Rashids vorigem, nun auch als Taschenbuch wieder aufgelegtem Klassiker „Taliban“ nachzulesen, in den überfüllten Camps afghanischer Flüchtlinge in Pakistan und wurden für die Interessen der pakistanischen Dienste instrumentalisiert, um die siegreiche afghanische Widerstandsbewegung gegen die Sowjets zu spalten und die Bildung eines starken afghanischen Zentralstaats zu verhindern.

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