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Afrikas Zukunft : Wie gut, wenn der Kapitalismus nicht recht funktioniert

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Ökonom, Schriftsteller und Professor an der Universität Gaston Berger in Saint-Louis im Senegal: Felwine Sarr Bild: Picture-Alliance

Felwine Sarr baut afrikanische Gesellschaften als zukunftsträchtigen Gegensatz zum Westen auf. Dafür wählt der senegalesische Wirtschaftsprofessor, ein Verfasser der französischen Studie zum kolonialen Kunstraub, einen problematischen Weg.

          Im Jahr 2000 betitelte der britische „Economist“ eine seiner Ausgaben mit der Schlagzeile „Afrika. Der hoffnungslose Kontinent“. Elf Jahre später hob dieselbe Zeitschrift zu einem Loblied auf den kürzlich noch abgeschriebenen Erdteil an und verkündete auf ihrem Cover den „Aufstieg Afrikas“. Dieses Beispiel bestätigt die Beobachtung von Felwine Sarr, der die heutigen Afrika-Diskurse von einer Doppelbewegung beherrscht sieht: „Glauben an eine strahlende Zukunft einerseits, Bestürzung angesichts einer chaotisch wirkenden Gegenwart andererseits“. Das Hauptproblem liegt für den Wirtschaftsprofessor aus dem senegalesischen Saint-Louis darin, dass die wirkungsmächtigen Visionen über Afrika immer die Visionen der anderen seien. Sarr, als Mitautor des Berichts an den französischen Präsidenten über die Modalitäten der Rückgabe von aus Afrika geraubten Objekten zu rezenter Berühmtheit gelangt, hält gängigen Bildern in seinem Essay die Notwendigkeit einer „Revolution der Paradigmen und Praktiken“ entgegen, die mehr sein müsse, als das koloniale Wissensarchiv zu korrigieren.

          Mit viel Verve und breiten Pinselstrichen trägt Sarr zunächst ein bekanntes Argument vor. Bei der Unabhängigkeit der afrikanischen Länder vor nun beinahe sechs Jahrzehnten habe es sich letztlich nur um eine formelle Anerkennung der Souveränität gehandelt. Die mit dem Kolonialismus verknüpften tief eingegrabenen Herrschaftsformen zum Verschwinden zu bringen sei jedoch ein langer Prozess, in dem auch die Sprache, das Wissen, der Blick auf sich selbst, die Mentalitäten und die Psychen dekolonisiert werden müssten. Kurzum: Afrika sollte nicht länger den Westen kopieren, vielmehr endlich seine Minderwertigkeitskomplexe hinter sich lassen und ein eigenes „afrikanisches Zivilisationskonzept“ entfalten, das sich frei mache von einer kapitalistischen Entwicklungsideologie, die mit der Kultur des Kontinents, so Sarr, auf Kriegsfuß stehe.

          Ein Viertel der Weltbevölkerung

          Afrikanische Politiker und Eliten hätten sich lange wie leicht minderbemittelte Schüler der westlichen Nationen verhalten, die auf das Lob der Lehrer hoffen. Angesichts der „Sinnkrise einer technizistischen Gesellschaft“ sei es nun an der Zeit, dass sich der mit Rohstoffen üppig ausgestattete Kontinent auf seinen verschütteten geistigen Reichtum besinne. Dabei müsse Afrika, dessen Bewohner bislang am wenigsten in das Ökosystem eingreifen, aus den Fehlern der anderen lernen. Und da sich die Welt den afrikanischen Ressourcen zuwende, habe Afrika sogar die Gelegenheit, eine zivilisatorische Wende durchzusetzen: „durch die Weigerung, die tradierten Modelle der Wohlstandsproduktion und -akkumulation zu verstetigen“.

          Felwine Sarr: „Afrotopia“.
Aus dem Französischen von Max Henninger. 
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019. 176 S. geb., 20,– €.

          Seinen Ruf nach der Mobilisierung eigener afrikanischer Traditionen verbindet der Autor mit ebenso essentialistischen wie unkritischen Vorstellungen. Sarr ahnt diese Kritik zwar voraus, seine Antwort auf sie fällt aber nicht überzeugend aus. „Jedes Mal, wenn sich ein Kulturkonzept als (gesamt-)afrikanisch versteht, wird das Gespenst des Essentialismus beschworen oder auch das der kulturellen Diversität des Kontinents“, beschwert er sich. Dagegen sei man bereit, die Existenz einer asiatischen oder chinesischen Kultur oder die einer deutschen Philosophie einzuräumen. Wie er selbst vorführt, bestimmen Stereotype und Alteritätskonstruktionen jedoch weiterhin den westlichen Diskurs über Afrika, sind also beileibe kein einfach zu negierendes Gespenst.

          Eine kritische Afrika-Wissenschaft hat sich zudem intensiv und mit guten Argumenten bemüht, den Eindruck, Afrika sei so ganz anders als der Rest der Welt, sei die erklärungsbedürftige Abweichung vom Normalfall, zu korrigieren. Sarr hingegen geht einen anderen, problematischen Weg: Er beschwört im Stil älterer panafrikanischer Denker wie Cheikh Anta Diop eine kontinentweite kulturelle Einheit, die er mit höchst positiven Attributen ausstattet, die es vom Westen unterscheide und an die es nun anzuknüpfen gelte.

          Auf diese Weise zeichnet er nicht zuletzt ein höchst unkritisches Bild „traditioneller“ Gesellschaften, die sich angeblich dadurch ausgezeichnet haben, dass „Produktion, Verteilung und Güterbesitz von einer Sozialethik bestimmt waren, deren Ziel darin bestand, allen die Grundlagen des Lebens zu garantieren“. Interessanter sind Sarrs Ausführungen zur Jugend, der er die entscheidende Rolle in einem künftig selbstbewussten Afrika zumisst. Sie fordere nunmehr den ihr gebührenden Respekt und sei nicht länger bereit, sich in das „pathologische Verhältnis“ einzufügen, das noch ihre Elterngeneration gegenüber den ehemaligen Kolonialherren gepflegt habe. Der von Sarr konstatierte Zorn dieser Generation rührt aber nicht zuletzt daher, dass viele trotz guter Ausbildung keine bezahlte Tätigkeit finden können.

          In etwa drei Jahrzehnten wird Afrika rund ein Viertel der Weltbevölkerung stellen. Sarr schreibt zwar auch von der großen Aufgabe, aus dieser „demografischen Dividende“ eine produktive Ressource zu machen, hebt jedoch hervor, dass der Kontinent dadurch im Begriff sei, eine zentrale Position im globalen Machtgefüge einzunehmen. „Afrotopia“ gibt sich als Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins, die Zukunft des Kontinents zu gestalten und dabei auf „westliche Experten“ weitgehend zu verzichten.

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