https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/adorno-theodor-w-traumprotokolle-1235358.html

Traumprotokolle : Lachend aufgewacht: Gefressen werden tut gar nicht weh

  • Aktualisiert am
          5 Min.

          Befindlichkeiten des Autor-Subjekts sind für Adorno sekundär gegenüber dem objektiven Gehalt des Textes. Dennoch hat er seine Träume zu Papier gebracht. Nicht nur für sich als persönliche Dokumente zur Selbstanalyse, sondern mit der Perspektive, das Notierte zu veröffentlichen, wie vereinzelt 1942 in der New Yorker Emigrantenzeitung „Aufbau“. In der vorliegenden Edition ist nur ein geringer, eben der von Adorno ausgewählte Teil der Träume chronologisch zusammengestellt. Er gab 1968 erste Traum-Texte seinem Verleger Siegfried Unseld zur Veröffentlichung frei.

          In seinem philosophischen Werk finden sich Erinnerungen an Träume, nicht nur in den „Minima Moralia“, auch in der „Negativen Dialektik“. Dort steht, daß ihn, der als amerikanischer Exilant von Auschwitz verschont blieb, „zur Vergeltung Träume heim(suchen), wie der, daß er gar nicht lebte, sondern 1944 vergast worden wäre“. Bedurfte es der Niederschrift der Meditation zur Metaphysik, um sich dieser Schreckensträume zu erwehren? Zwar haben Adornos Träume häufig Hinrichtungs- oder Kreuzigungsszenen, auch Katastrophen zum Gegenstand. Bilder des Genozid enthält nur ein Traum, aber in anderen Träumen stellen sie sich auf indirekte Weise ein, etwa als Erfahrung des Weltuntergangs. Ein Traum mit dem Datum Frankfurt, Dezember 1946: „Ich befand mich in frühester Morgendämmerung, im grauen Halbdunkel, unter einer großen Menschenmenge, auf einer Art Rampe.“ Oder im März 1967, ein Traum der Ohnmachtserfahrung und des Schuldbewußtseins: „Traum von Toten, in dem man das Gefühl hat, daß sie einen um Hilfe bitten.“

          In Adornos Aphorismenband findet sich eine zwischen 1946 und 1947 geschriebene Notiz, die sein von der Psychoanalyse geprägtes Verständnis des Traums zum Ausdruck bringt: „Zwischen ,es träumte mir' und ,ich träumte' liegen die Weltalter. Aber was ist wahrer? So wenig die Geister den Traum senden, so wenig ist es das Ich, das träumt.“ Als Adorno dieses „Monogramm“ über die Frage, wer Herr im Haus des Traums ist, formuliert, hält er auch zwei Träume fest, die charakteristisch sind für die Protokolle. Bei dem einen Traum handelt es sich um einen Hinrichtungstraum. Nicht Adorno, sondern Pierre Laval ist, so scheint es, der Delinquent. Beim Abschied von dem umstrittenen französischen Politiker ist Adornos Mutter Maria anwesend, die „mit klarer, junger Stimme, sehr stark die Kindertotenlieder von Mahler anzustimmen“ beginnt. Adorno liefert mit der Wiedergabe des Traumgeschehens dessen geträumte Deutung: „Plötzlich, noch im Traum, ging mir der Sinn ihrer Totenklage auf: Laval sei ich selber, als einer, der das Französische ans Deutsche verriet. Mit unbeschreiblichem Schrecken, wild schlagendem Puls, wachte ich auf.“

          Weitere Themen

          Bei Drogen war Schluss

          Thomas Mann und Huxley : Bei Drogen war Schluss

          Aus Freundschaft wurde Verachtung: Mit Aldous Huxley und Thomas Mann wohnten zwei der berühmtesten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts in enger Nachbarschaft, doch als beide wegzogen, wuchs auch die inhaltliche Distanz.

          Topmeldungen

          Der russische Präsident Wladimir Putin: Sein Krieg macht die ganze Welt ärmer, hungriger, unsicherer.

          Russische Annexionen : Der Westen muss standhaft bleiben!

          Die freie Welt darf sich Putins nuklearem Erpressungsversuch nicht beugen. Sonst macht der russische Präsident daraus ein Geschäftsmodell.
          Gas strömt aus: Satellitenbild des Lecks der Nord-Stream-2-Pipeline

          Gaslecks : Milliarden-Investitionsruinen im Meer

          Ob die leckgeschlagenen Ostsee-Pipelines zu retten sind, weiß niemand. Klar ist nur: Für die betroffenen Unternehmen wird es teuer.
          Simon Jäger, Chef des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA)

          Deutscher Spitzenökonom : „Bestimmte Staatseingriffe sind effizient“

          Der Mindestlohn steigt nun auf 12 Euro. Simon Jäger, der neue Chef des Instituts zur Zukunft der Arbeit, erklärt, warum er das für richtig hält – und der Arbeitskräftemangel gar kein so großes Problem ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.