https://www.faz.net/-gr3-7i1y1

Adam Hochschild: Der Große Krieg : Die tödliche Arroganz der Kavallerie

  • -Aktualisiert am

Hochschild kann wikrlich schreiben

Hochschild will, wie er im Prolog sagt, eine Geschichte der Verweigerung dieses wahnsinnigen Krieges schreiben. Aus den über den Text verstreuten biographischen Skizzen von Arbeiterführern, Generalen, Politikern und Schriftstellern soll sich die ganze Geschichte des Großen Krieges erschließen. Hochschild gesteht gleich zu, dass man auf diese Weise eigentlich eher einen Roman schreiben könnte, will uns dann mit folgendem leicht enigmatischen Hinweis beruhigen: „Die Geschichte bietet uns, von Nahem betrachtet, stets Menschen, Ereignisse und moralische Versuchsfelder, wie sie sonst nur von den bedeutendsten Schriftstellern erdacht werden können.“

Am besten also, wenn der Historiker selbst ein „bedeutender Schriftsteller“ ist. Hochschild kann wirklich gut und fesselnd schreiben, und wenn man sich ganz auf seine auf Großbritannien zentrierte Sicht des Krieges einlassen will, dann ist dieses Buch eine intensive Lektüre wert.

Die Brutalität der britischen Militärs

So wird in dem mehr als einhundert Seiten langen Teil über die Vorgeschichte des Krieges ganz besonders die Karriere einiger im Krieg bestimmender Militärs beschrieben, nämlich John French und Douglas Haig, deren Aufstieg in den Kolonialkriegen ausführlich dargestellt wird. Aus der Kavallerie stammend, sahen sie den Krieg als ein kavalleristisches Abenteuer an und ließen sich durch die Evidenz Tausender Pferdekadaver vor den Maschinengewehrstellungen nicht davon abbringen. Haig war überzeugt, dass ein heranpreschender Kavallerist „die Nerven und Zielsicherheit eines MG-Schützen entscheidend beeinträchtige“, und äußerte gelegentlich, dass die kleine Kugel der heutigen Gewehre „ein Pferd kaum aufzuhalten vermag“.

Die Arroganz der britischen Militärs, ihre imperialistische Brutalität, hat Hochschild ganz besonders ins Visier genommen - wie schon in seinen früheren Büchern. Das zeigt sich in der ausführlichen Beschreibung des Burenkrieges, mit den entsetzlichen Konzentrationslagern, in welche die rebellische Bevölkerung gnadenlos eingepfercht wurde. Und wo als ein wirklicher Lichtblick die Gestalt von Emily Hobhouse auftaucht, deren Leben und Leiden vor und im Krieg ein weiterer roter Faden des Buches bleibt. Hobhouse, aus vornehmen Stand, organisierte auf ungeheuer couragierte Weise die Hilfe für die unterdrückten Buren.

Zur Funktion des Stacheldrahts

Die Geschichte des Ersten Weltkrieges wird in fünf Kapiteln erzählt - eines für jedes Kriegsjahr, wo die heldischen und kriegerischen Persönlichkeiten mit den Kriegsereignissen munter durcheinandergewirbelt werden. Das bleibt immer interessant, wenn man diese Art von Erzählung schätzt, kann aber in keiner Weise den Anspruch erfüllen, eine Geschichte des Ersten Weltkrieges zu sein: Für die Marneschlacht hat Hochschild gerade einmal vier Zeilen übrig, und über Tannenberg erfährt man auf anekdotische Weise, wie die kampfunfähigen und verlumpten russischen Soldaten von betrunkenen und fetten Generalen in die Niederlage geführt wurden. Ludendorff und Hindenburg spielen dabei keine nennenswerte Rolle; Langemarck ist nahezu zur Karikatur vereinfacht. Verdun spielt kaum eine Rolle, weil es dort keine Briten gab. Dafür ist die Somme-Schlacht großartig intensiv geschildert - sie war ja auch das Menetekel der britischen Armee.

Wenn also die Geschichte der Schlachten und der Kriegspolitik frustrierend einseitig bleibt, so gibt es zwischendurch immer wieder überzeugende und sonst kaum einmal so dicht erzählte Darstellungen, etwa wie sich die Heere im Spätherbst 1914 einbuddeln mussten oder welche Rolle der Stacheldraht im gesamten Krieg gespielt hat. Irgendwie ist dann doch das gesamte alte Europa in diesem Krieg zugrunde gegangen, aber das steht vor allem im deutschen Titel und betrifft die Erzählung eher am Rande.

Weitere Themen

Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

"Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

Topmeldungen

EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

Streit um EU-Jobs : EVP-Kandidat Weber greift Macron an

Manfred Weber geht im Ringen um den Job als EU-Kommissionspräsident in die Offensive. Er wirft seinen Gegnern destruktives Verhalten vor und warnt: „Die Frustration von Wählern ist absehbar.“
Unsere Sprinter-Autorin: Rebecca Boucsein

F.A.Z.-Sprinter : In der Hitze die Nerven bewahren!

Der Sommer hat Deutschland fest im Griff und steuert auf einen Rekord zu. Die Bauern debattieren über ausgedorrte Felder – und die Bundeswehr sucht die Ursache des Eurofighter-Absturzes. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.