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Adam Fletcher: Wie man Deutscher wird : Schlager hassen, aber alle auswendig können

Bild: Verlag C. H. Beck

Ist es die Ironieresistenz oder doch eher die Neigung, „tschüüüs“ zu sagen? Der Engländer Adam Fletcher macht sich Gedanken darüber, was die Deutschen auszeichnet.

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          Reisen verengt den Horizont, sagt Gilbert K. Chesterton. Weshalb? Weil einem an den Fremden vor allem die Seltsamkeiten auffallen und nicht, wie ähnlich sie einem doch sind. Man lache über den Kopfschmuck der Indianer, aber warum man selber - Chesterton schrieb das vor hundert Jahren - einen Zylinder trage, vergesse man dabei. Der Tourismus trenne die Völker, schrieb Chesterton, der Heidelberg und Benidorm nicht einmal kannte.

          Adam Fletchers Indianer sind die Deutschen. Zwar ist er kein Reisender, sondern lebt in Berlin. Wo er, rein statistisch gesehen, nicht Deutschen, sondern vor allem Schwaben, Rheinländern und Restberlinern begegnet. Aber die normalisierende Wirkung des Bleibens wird bei ihm wieder wettgemacht durch die ausdrückliche Absicht, Deutsche merkwürdig zu finden. Das ist natürlich sehr schmeichelhaft, wenn ein Engländer so etwas sagt.

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          Wie also sind wir, was macht jemanden zum Deutschen? Eine Liste: Hausschuhe, langes Frühstücken, Versicherungen gegen alles, Outdoor-Klamotten, geschlechtsanzeigende Artikel vor Substantiven, Worte wie „geschlechtsanzeigend“, Apfelsaftschorle und überhaupt eine Sucht nach Wasser, das sprudelt, kartoffelbasierte Gerichte und dunkles Brot, Bierflaschen mit Feuerzeugen oder Handkanten aufmachen können, „Tatort“, das Ernstnehmen von Pkws und von Geburtstagen, Fenster auf Kippe stellen, den sächsischen Dialekt hassen, energisch reisen, „alles klar“ und „ach so“ und „tschüüüs“ sagen, Schlager hassen und alle auswendig kennen.

          So weit eine Auswahl aus diesem Bändchen, das denselben Text einmal auf Deutsch, einmal auf Englisch enthält, insofern auch als Geschenk an Zuzügler geeignet ist. Manche der Schritte im Annäherungskurs sind witzig, der mit dem Bierflaschenöffnen etwa, der wie andere nahelegt, dass sich Fletcher unter Deutschen vor allem Männer vorstellt. Manche treffen bitter, etwa das Frösteln Fletchers vor Worten wie „Brustwarze“ und „Antibabypille“ oder die auch von ihm noch einmal festgestellte Unfähigkeit zu Ironie, die wir an völlig humorlose Schriftsteller outgesourct haben, die dann ihrerseits ständig für ihre Ironie gelobt werden müssen. Andere Kurselemente wie das Herziehen über die deutsche Küche sind aber nur vor dem Hintergrund einer sehr viel höher stehenden Kultur verständlich, der wir den Versuch verdanken, jedwedes Fleisch und Gemüse mit Kartoffelbrei zu überbacken.

          Interessant in diesem Zusammenhang, dass für Fletcher die Eszet-Schnitte, also die Erlaubnis, Schokolade und Brot zu kombinieren, eine Offenbarung war. An solchen Stellen denkt man unwillkürlich, dass der Mann kurz vor der Assimilation steht. Anderseits hat er die Kehrwoche, den Hundebesitzer und den Geist des Ingenieurseins ganz offenkundig noch so wenig kennengelernt wie das Sichschämen für Deutsche im Ausland. Wer das nicht mitunter hat, das Bedürfnis, kein Deutscher zu sein, wird nie Deutscher.

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