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: Acht Männer und das Meer

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Die Neue Frankfurter Schule (NFS) gründete 1979 in Frankfurt am Main die Satirezeitschrift "Titanic". Zu der Gruppe gehörten acht Künstler: F. W. Bernstein, Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Peter Knorr, Chlodwig Poth, Hans Traxler und F. K. Waechter. Das alte Haupt der Alten Frankfurter Schule (AFS), Theodor W.

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          Die Neue Frankfurter Schule (NFS) gründete 1979 in Frankfurt am Main die Satirezeitschrift "Titanic". Zu der Gruppe gehörten acht Künstler: F. W. Bernstein, Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Peter Knorr, Chlodwig Poth, Hans Traxler und F. K. Waechter. Das alte Haupt der Alten Frankfurter Schule (AFS), Theodor W. Adorno, war damals seit zehn Jahren tot. Das junge Haupt der AFS, Jürgen Habermas, hatte 1971 Frankfurt in Richtung Starnberg verlassen. Dort wurde Habermas Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt. Eckhard Henscheid veröffentlichte zwei Jahre darauf den ersten Band seiner "Trilogie des laufenden Schwachsinns" und rückte damit das Frankfurter Nordend, dessen Kneipen und den dort herrschenden Diskussionspegel in den intellektuellen Mittelpunkt der Mainmetropole. Hatte die AFS einst tieftraurig und griffig gesagt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen, meinte die NFS nun frech: Aber ein besseres Lachen.

          Der Luxusdampfer "Titanic" war im April 1912 untergegangen. Durch den Zeitschriftennamen stellte die NFS sofort und ohne überflüssige Umwege eine Verbindung zum Schiff (die bürgerliche Gesellschaft) und dessen Untergang im Meer (da ist nichts mehr zu machen - an der Reling stehen und noch einmal lachen) her. Das weite Meer ist das Element der NFS, so wie das steile Gebirge das Element der AFS ist. Die AFS verstieg sich in Theorien, die NFS schwamm in Parodien herum. Die NFS hat sich aber auch noch im Detail immer wieder ins Meer vertieft und dem Meer als ihrem Element in Vers, Erzählung und Bild gehuldigt. Klaus Cäsar Zehrer hat das maritime Werk der NFS zusammengestellt. Wir möchten "Da: Das Meer!" nicht missen.

          Das könnten wir auch nicht. Denn die Geschichte der deutschen Innerlichkeit reicht vom Meer direkt ins Gebirge. Thomas Mann hat das geahnt, gefühlt, gewußt und uns zur Lehre inszeniert. Im "Zauberberg" verließ der Held Hans Castorp, einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, die nordische Küste und stiefelte zu seinem kranken Vetter hinauf nach Davos. Hans blieb länger als geplant. Thomas Mann schickte ihn dort oben in hohe und heikle ideologische Gefechte, die Hans aber dem Leben nicht näher brachten. Das war gleichsam Hans Castorps AFS-Bildungserlebnis, das war gleichsam sein intellektuell aufregendes 1968 mitten in den Bergen. In der dünnen Luft der Theorie und der Todessehnsucht gedieh kein gesundes Pflänzchen.

          Als Hans sah und erkannte, daß er dem Leben nicht mit müden, sondern mit lebhaften Augen entgegensehen sollte, klingelte Mann zur Abfahrt ins Tal. Das war gleichsam Hans Castorps Hinwendung zur NFS: "Wer hat angesichts des Meeres / nicht schon selber tief empfunden: Angesichts des Meers erlebst du / deines Daseins höchste Stunde, / da sich angesichts des Meeres / auch das Herz der Seele weitet / und den Mantel der Gefühle / über die Begriffe breitet . . .", heißt es in Robert Gernhardts Gedicht "Ocean Drive".

          Thomas Mann selbst war ein beständiger Bewunderer des Meeres und innerlich ein wahrhafter Küstenbürger. Mit dem Bürgertum aber hat die NFS nichts mehr am Hut. Das Bürgertum war ja auch 1933 untergegangen. Und da standen sie nun seit den siebziger Jahren: acht wackere Männer vor dem Meer. Sie sahen Männer mit Bäuchen und Frauen in Bikinis, so weit das Auge reichte, sie sahen in die Ferne und sahen auch mal ins Nichts, sie sahen den sinnbildlichen Fischen in die treuen Augen und dem Leben auf den allerletzten Grund.

          Die Männer fühlten sich - wohl auch vom Bier und vom Wein - gestärkt, sie fühlten sich frei - kein Verblendungszusammenhang an der ganzen Küste -, sie fühlten sich frisch - das Lachen macht ja heiter. Eine Brise pfiff, das Meer rollte vor und zurück, und mancher Küstenbewohner trällerte ein Lied. Und was wollten sie, die acht? "Musik, Sex, Liebe, Mondschein, Meer, Wärme, Brandung, dabei angeknallt sein, alles, einfach alles", heißt es im Romanauszug "Die aufeinandergetürmten Räusche" von Chlodwig Poth. Sah so einfach aus, was Adorno als das Authentische und Nichtidentische gesucht und beschrieben hatte?

          Die acht Männer waren nicht zum kritischen Vernichten angerückt. Diese herbe und harte Art der Kritik lag ihnen am sanften Meer ganz fern. Die Zeiten, wo der Intellektuelle auf der Höhe der Theorie stand und mit seinem Schwert die gesellschaftlichen "Nebel" im Tal (Ernst Bloch) zerteilte, waren vorbei, dahin, passé: "Wie? Was? / Ich hör' ein Widerwort? / Der Sport heißt Schwimmen? / Und nicht Mord? / Wie war das noch mal? / Schwimmen? / Moment - ihr seht mich sehr verwirrt . . . / Mein Gott - vielleicht hab' ich geirrt . . . / Doch - Schwimmen könnte stimmen." Schwimmen wohlgemerkt, das hieß eben auch mit den Mitmenschen mitschwimmen - da taucht sie wie ein Seehund auf, die von Hans Castorp gefundene Mitmenschlichkeit - und dabei die Augen offenhalten: Andere tunken - ja, selber untergehen - nein.

          Daß das Schwimmen nach Adorno wieder Spaß macht - das haben wir der NFS zu verdanken.

          Klaus Cäsar Zehrer (Hrsg.): "Da: Das Meer!". Das maritime OEuvre der Neuen Frankfurter Schule. marebuchverlag, Hamburg 2005. 431 S., geb., 24,90 [Euro].

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