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Aby Warburgs Briefe : Der Kampf um Anerkennung scheint nie zu enden

  • -Aktualisiert am

Aby Warburg im Jahr 1925 Bild: bpk / Rudolf Dührkoop

Vom Indizienbeweis zum göttlichen Detail: Eine Edition präsentiert Aby Warburg in seinen Briefen. Deren Lektüre ist auch dazu angetan, manch liebgewordene Vorstellung über den Kunsthistoriker ins Wanken zu bringen.

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          „Der liebe Gott steckt im Detail“, lautet eine der Sentenzen, mit denen die Methode von Aby Warburg, dem Begründer der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (K.B.W.), gern charakterisiert wird, auch und gerade über den Kreis der Warburg-Forschung hinaus. Warburg selbst sah darin einen der Leitsätze für das, was die Teilnehmer seines Seminars zur „Bedeutung der Antike für den Stilwandel der italienischen Kunst der Frührenaissance“ im Wintersemester 1925/26 von der K.B.W. und ihm zu erwarten hätten, und verwies auf „das Beispiel der grossen deutschen Philologen, besonders Useners“. So zu lesen in einem Schreiben vom Januar 1926 an den Bruder Max, den Bankier und Finanzier der Stiftung, dem er ebenso regelmäßig wie ausführlich über die eigenen Forschungen und Institutsvorhaben berichtete.

          Der Weg des Details in diesen göttlichen Rang war allerdings langwierig und steinig. Nahezu drei Jahrzehnte zuvor, bei Archivrecherchen in Paris zum Festwesen in Frankreich, aus denen später der Vortrag über „Mediceische Festlichkeiten am Hofe der Valois“ hervorging, gestand Warburg seiner späteren Frau Mary Hertz, wie „gräßlich schwer“ es sei, „all jene kleinen Details frisch in der Erinnerung“ zu haben, „die man gegenwärtig haben muß, um Zeichnungen und Beschreibungen zu identifizieren“. Da geht es um ein zentrales Motiv seiner Arbeitsweise, die Identifizierung historischer Personen und Ereignisse, mythischer Figuren, Symbole, Gegenstände, Rituale in Werken der Kunstgeschichte „durch Heranziehung von Briefen, Urkunden, Medaillen, aller Art zeitgenössischer Dokumente“. So die Erklärung 1902 gegenüber dem Verleger, der seinen Bildband „Bildniskunst und florentinisches Bürgertum“ druckt. Darin benennt Warburg Mitglieder der Medici-Familie, die er im Personal von Ghirlandajos Fresco in Santa Trinità erkannt hatte.

          Solche Entdeckungen entstammen dem Archiv. Dort aber herrscht jene „tristesse florentine“, wie er sie zu gleicher Zeit einem Kollegen gegenüber beklagt: wenn „in heiterer Lebensfülle gejagt, getrieben und geformt durch leidenschaftliches Leben die Toten vor uns auf[steigen]: wir aber sitzen vor ihren Rechnungsbüchern und Testamenten, [. . .] halb als Aasgeier, halb als Propheten.“ Die Früchte dieser „Hades-Stimmung im Archiv“ aber bilden den stofflichen Fundus für die Erkenntnisse ikonologischer und symbolischer Korrespondenzen zwischen Antike und Frührenaissance, aus denen seine psychohistorische Deutung antiker Pathosformeln in den Bildern unterschiedlichster Genres, Kulturen und Zeiten erwachsen.

          Seine Haltung wird souveräner und die Rhetorik umgänglicher

          Die Genese von Warburgs Arbeitsweise, Thesen und eigenwilligen Formulierungen lässt sich durch die Lektüre seiner Briefe detailliert nachverfolgen, die nun in einer zweibändigen, hervorragend kommentierten Edition im Rahmen der 1998 begonnenen Studienausgabe seiner „Gesammelten Schriften“ vorliegt. Der Auswahl von mehr als achthundert Briefen – von den Studienjahren bis zum Tod Warburgs im Oktober 1929 – ist ein ebenso voluminöser Kommentarband an die Seite gestellt, der die in den Briefen erwähnten Personen, Kunstwerke, Objekte, Buchtitel, Symbole, Ereignisse wie auch die Vortrags- und Publikationsvorhaben Warburgs erschließt, ergänzt um Reproduktionen der betreffenden Bilder. Man braucht einen stabilen Tisch oder kräftige Handgelenke, um diese gewichtigen Bände zu studieren. Doch es lohnt sich, weil dabei eine lebendige Anschauung von der Wanderstraße der Warburgschen Recherchen im europäischen Bildgedächtnis entsteht, – inklusive ihrer Um- und Irrwege, Spur- und Richtungswechsel.

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