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Abrechnung mit '68 : Wir protestieren!

Rudi Dutschke auf einer Demonstration 1968 Bild: AP

Waren die 68er die Nachhut der Nazis? Götz Alys Buch „Unser Kampf“ formuliert eine sehr steile These, der man unbedingt widersprechen muss. Lesenswert ist Alys Buch trotzdem.

          Dieses Buch ist eine Unverschämtheit - als ich zum ersten Mal hörte von Götz Alys Projekt, wollte ich sofort, schriftlich, protestieren.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Verehrter Herr Professor Aly, so hätte mein Einspruch angefangen, das geht entschieden zu weit: dass jetzt die 68er mit den 68ern abrechnen! Das haben doch längst wir getan, wir Nachgeborenen, vor mehr als zwanzig Jahren, als wir die Sinnstiftungsinstitutionen und Kulturbetriebsstätten belagerten - und dort saß auf jedem verfügbaren Stuhl der Hintern eines 68er Veteranen.

          Dass ich den Brief dann doch nicht geschrieben habe, lag vor allem daran, dass unsere Gegnerschaft damals ja weniger den 68ern gegolten hatte als dem, was aus ihnen geworden war: seltsam melancholische Existenzen, traurige Leute, welche, obwohl sie die Meinungsmacht erobert hatten, fest daran glaubten, dass ihre Revolte gescheitert sei, Männer und Frauen, die in jeder Hinsicht ästhetische Probleme aufwarfen, schon mit ihrem Habitus; aber auch dadurch, dass Mauern von Ideologiekritik ihnen den Blick auf alles, was schön war, versperrten.

          Er war dabei

          Götz Aly war 1968 dabei. Er kam im Herbst aus München nach Berlin, studierte am Otto-Suhr-Institut in dessen schlimmsten Zeiten: als liberale Professoren den Studenten für Faschisten galten und zurückgekehrte Juden sich als Imperialistenknechte beschimpfen lassen mussten; und an einigen der (wie er es nennt) Ekelhaftigkeiten war er selber beteiligt.

          Man bekommt also, wenn er über das Thema 1968 schreibt, gewissermaßen den dreifachen Aly: Er ist Zeitzeuge. Er ist handelnde Person. Und er ist Historiker, und als solcher hat er Akten studiert, aus dem Bundeskanzleramt, dem Bundesinnenministerium, auch Akten des Verfassungsschutzes. Es sind, gewissermaßen, die Aufzeichnungen der Gegenseite - und wer daraus aber den Vorwurf ableiten möchte, Götz Aly habe einseitig recherchiert, sollte vorher zwei seiner Forschungsergebnisse zur Kenntnis nehmen.

          Ungebärdige Söhne

          Erstens nämlich brachten Staat und Politik ein erstaunlich großes Verständnis auf für den Zorn der Studenten. Kurt Georg Kiesinger nannte sie „meine ungebärdigen Söhne“. Es waren die sogenannten Normalbürger, die gern, laut und häufig die Todesstrafe, zumindest aber KZ-Haft oder Prügel für die Studenten forderten.

          Und zweitens, so berichtet Aly, hätten jene, die am dringendsten die Revolution, zumindest aber die Machtergreifung in West-Berlin angehen wollten, später mit großer Umsicht die eigenen Lebensläufe redigiert, beschönigt und begradigt. Da, wo die Quellen aber zugänglich sind, wo sich, nur zum Beispiel, jeder im Archiv das legendäre „Kursbuch“-Gespräch aus dem Oktober 1967 besorgen kann - Hans Magnus Enzensberger, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler entwerfen schon mal das Leben im Sozialismus -: Da spricht fast alles, was sie sagen, so heftig gegen die Beteiligten, dass es die Argumente ihrer Gegner gar nicht brauchte.

          Die letzte Zuckung des Totalitarismus

          „Unser Kampf“ heißt Alys Buch, im Untertitel schlicht und verständlich „1968“; und die steile These lässt sich wohl so zusammenfassen: Die Revolte habe nicht etwa die Demokratisierung und Modernisierung der Gesellschaft gebracht, die Befreiung der Individuen und den Anstoß für die fälligen Reformen (wie die Veteranen die Folgen gern deuten). Vielmehr sei sie die letzte Zuckung des Totalitarismus gewesen und der letzten großen Jugendbewegung, dem Nationalsozialismus, so ähnlich, dass man beim Studium der Zeitzeugnisse einen Schrecken bekomme. Die Gewaltbereitschaft, der Kult um den Massenmörder Mao Tse-tung, der antibürgerliche Furor, der Hass auf Amerika und der Terror gegen die sogenannten Scheißliberalen, speziell gegen die Modernisierer und Reformer an den Universitäten, das alles unterscheide sich vom Wirken der Nazis vor deren Machtergreifung eigentlich nur dadurch, dass die Revolte von 1968 gescheitert sei.

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