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Islam-Interpretation : Wer da will, der bleibe ohne Glauben

Weltethos bevorzugt: Scheich Abdullah Bin Mohammed Al Salmi Bild: Georg Olms Verlag

Aus Oman kommt ein Aufruf zur Toleranz: Abdullah Al Salmi stellt dem Furor der Islamisten einen anderen Islam entgegen. Gäbe es mehr islamische Religionsführer wie ihn, der Islam müsste nicht länger um seinen Ruf bangen.

          4 Min.

          Wer die sieben Vorträge des omanischen Religionsgelehrten und Religionsministers Scheich Abdullah Bin Mohammed Al Salmi liest, lernt einen ganz anderen Islam kennen als den, der durch die westliche Öffentlichkeit wabert und der gespickt ist mit Versen aus dem Koran, die belegen sollen, dass der Islam nichts anderes sei als eine Religion des Schwerts und der Gewalt. Was zurzeit im Namen des Islams geschieht, scheint alle diese (Vor-)Urteile auch zu bestätigen: der Terror des „Islamischen Staats“ und anderer extremistischer Gruppen; die Repression und die Hinrichtungen in Saudi-Arabien und in Iran; das Verhalten junger Männer aus der islamischen Welt, die die deutsche Gastfreundschaft missbrauchen.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Da ist es gut, dass eminente islamische Religionsgelehrte darauf aufmerksam machen, dass es auch einen anderen Islam gibt. Während in der deutschen Öffentlichkeit vor allem jene Koransuren bekannt sind, die als Rechtfertigung für Gewalt missverstanden werden können, lässt sich Scheich Salmi von Suren leiten, die den Koran in einem anderen Licht erscheinen lassen. Immer wieder kehrt er zu Koran 49:13 zurück, wo es in der Übersetzung von Hartmut Bobzin heißt: „Ihr Menschen! Siehe, wir erschufen euch als Mann und Frau und machten euch zu Völkern und zu Stämmen, damit ihr einander kennenlernt.“

          Salmi leitet von solchen und ähnlichen Suren die Aufforderung ab, den anderen in seiner Andersartigkeit anzuerkennen, diese zu akzeptieren und bereit zu sein, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Die Folge davon sei die Verpflichtung, die Glaubensfreiheit anderer Völker zu respektieren und auch deren Recht auf ein Leben in einer eigenen Gesellschaftsordnung. Salmi, der sich zur hermeneutischen Auslegung des Korans bekennt, beruft sich in seinem Plädoyer für Toleranz etwa auf Koran 10:99: „Hätte dein Herr gewollt, so würden alle auf der Erde gläubig werden, insgesamt. Willst du etwa die Menschen zwingen, dass sie gläubig werden?“ Oder aber Koran 18:29: „Wer will, der glaube, und wer da will, der bleibe ohne Glauben.“

          Das Versagen der Gelehrten

          Aus einer solchen Toleranz und Koran 3:64 leitet Salmi dann das Verbot einer hegemonialen Herrschaft, also der einen über andere, ab. Schließlich sei die Welt vielfältig und könne nur in einer pluralistischen Ordnung bestehen. Der Autor greift manche liebgewonnenen Vorurteile im Westen über den Islam auf, etwa dass im Islam Religion und Staat eins seien. Dem hält Salmi entgegen, in der Geschichte des Islams habe es stets eine Trennung und eine Arbeitsteilung zwischen den politischen Institutionen und der religiösen Macht gegeben. „Es gibt im Islam keine ,Herrschaft der Religion‘“, schreibt er, sondern lediglich einen Korpus von Werten, die durchzusetzen seien.

          Erst der politische Islam der Gegenwart habe das auf den Kopf gestellt. Erst heute, als Folge fundamentalistischer Bewegungen, seien „viele der Überzeugung, dass der Islam Religion und Staat zugleich sei und dass Religionsgelehrte und Rechtsgelehrte die Verantwortung für den öffentlichen Raum tragen sollten“. Dann hält er dem Westen den Spiegel vor, da der erst mit Hilfe der Religion - des katholischen Papstes und des Dschihads der Mudschahedin - die Sowjetunion zu Fall gebracht habe. Auch sei die Politik der Vereinigten Staaten maßgeblich von evangelikalen Ideen geleitet, etwa bei dem früheren Präsidenten George W. Bush. „Die Tendenz zur religiösen Rückbesinnung ist also nichts Ungewöhnliches. In Bezug auf die Araber und Muslime wird sie jedoch zu einem Problem.“ Das räumt Salmi auch selbst ein. So macht er für den Aufstieg fundamentalistischen Gedankenguts in der Gegenwart das Versagen seiner eigenen Zunft, der Religionsgelehrten, mitverantwortlich. Denn die Art der religiösen Bildung habe das Heranwachsen von Dschihadisten begünstigt, schreibt er selbstkritisch. Die arabische Welt benötige „dringend“ eine Religionsreform. An diesem Punkt würde man gerne mehr erfahren, wie die „verzerrten Konzepte“ wieder in Einklang mit dem klassischen Islam, für den Salmi steht, gebracht werden sollen.

          Gemeinsame Worte, gemeinsame Werte

          Zentrales Anliegen Salmis ist, die „ethische Gemeinsamkeit“ aller Menschen herauszustellen, zu der er die universalen Werte Frieden, Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit zählt. Er fordert wie vor ihm der katholische Theologe Hans Küng „ein globales Ethos“. Er greift dabei Küngs doppelte Forderung auf: „Frieden unter den Nationen ist nicht ohne Frieden unter den Religionen möglich“, und „es gibt keinen Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen“.

          Im zwanzigsten Jahrhundert hat sich der christlich-islamische Dialog schrittweise entwickelt. Wenig wirksam sei zunächst die Einladung des Westens gewesen, eine „Allianz der Gläubigen“ gegen den Kommunismus zu bilden. Den entscheidenden Anstoß sieht Salmi vielmehr im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965), das den Islam als „abrahamitische Glaubensrichtung“ eingestuft und nach einer langen historischen Konfrontation eine „Glaubenspartnerschaft“ auf der Basis „des gemeinsamen Wortes“ möglich gemacht habe. Danach habe ihm Küngs Projekt des Weltethos gezeigt, dass Frieden nur erreichbar sei, wenn die „großen ethischen Systeme“ zusammenkommen. Dazu dürfe der Westen aber, so Salmi, nicht länger die Araber und Muslime als ausgenommen von den „allgemeinen Werten der Welt“ betrachten.

          Der Band ist kein in sich geschlossenes Werk und nicht aus einem Guss. Da der Autor zentrale Gedanken in mehreren Reden aufgreift, kommt es zu lästigen Überschneidungen. Eindrucksvoll ist indes die Liste der Orte, an denen die Vorträge gehalten wurden: im Aachener Dom und in der Universität Cambridge, in Chicago, Kairo und Oxford - und natürlich in Maskat selbst, der Hauptstadt des Sultanats Oman. Dieses ist eines der tolerantesten Länder der arabischen Welt, was mit seiner Randlage, weit weg von den großen Konflikten, zusammenhängt, aber auch mit dem ibaditischen Islam, der sich zwischen dem sunnitischen und dem schiitischen Islam behauptet.

          In Oman ist nach Jahrhunderten friedlicher Koexistenz das Zusammenleben von Muslimen und Christen, von Hindus, Sikhs und Anhängern anderer Religionen Normalzustand. Die Zeitschrift, die das Religionsministerium herausgibt, hatte zunächst „al Tasamuh“ (Toleranz) geheißen und wurde dann in „al Tafamuh“ (gegenseitiges Verständnis) umbenannt. Unauffällig erfolgt in Oman die Weiterentwicklung der Religion an die veränderten Bedingungen der Welt. Gäbe es mehr islamische Religionsführer wie Salmi, der Islam müsste nicht länger um seinen Ruf bangen.

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