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„1919“ von Birte Förster : Das Radio war nicht mehr aufzuhalten

John Alcock und Arthur Whitten Brown landen nach dem ersten Nonstopflug über den Atlantik etwas unsanft am 15. Juni 1919 auf einer irischen Wiese. Bild: Bridgeman

Epochale Aufbrüche: Birte Förster bilanziert in ihrem Buch „1919“ das gleichnamige Jahr und orientiert sich dabei nicht bloß an Großereignissen.

          Für das deutsche Erzählgenre der Jahresmonographie lässt sich ein genaues Geburtsdatum angeben: Es ist das Jahr 2001. Damals erschien Hans Ulrich Gumbrechts Buch „1926“, die Geschichte eines Jahres „am Rand der Zeit“, wie der Untertitel versprach. Dann kam Florian Illies’ Bestseller „1913“, und das Genre wurde, wie man heute sagt, viral. Inzwischen hat es die populäre wie die akademische Geschichtswissenschaft erreicht. Gibt man „1618“ in die Suchmaske des Online-Versandhändlers ein, wird nicht ganz unerwartet der „Beginn des Dreißigjährigen Krieges“ angezeigt, beim Kriegs- und Revolutionsjahr 1918 erscheinen „Die Welt im Fieber“ und „Aufstand für die Freiheit“. Aber was ist mit 1688, 428 und 1177 vor Christus, Daten, mit denen man hierzulande nicht viel verbindet? Auch dazu gibt es Buchtitel, allerdings aus dem angelsächsischen Raum. Die deutsche Historiographie hält sich einstweilen an bewährte Jahreszahlen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Insofern ackert Birte Försters „1919“ auf einem bereits gut bestellten Feld. Als „Das Jahr der Frauen“ wurde das Thema schon im Sommer von Unda Hörner bearbeitet, für das Frühjahr ist ein weiteres 1919-Buch angekündigt, und noch drei andere Publikationen tragen die Jahreszahl im Titel. Man muss sich also an den Untertitel halten, wenn man wissen möchte, worauf die Autorin hinauswill: „Ein Kontinent erfindet sich neu“.

          Die Neuerfindung Europas als friedliebende und demokratisch geprägte Völkergemeinschaft hat seinerzeit bekanntlich nicht nachhaltig geklappt, was Birte Förster, die Neuere Geschichte in Bremen lehrt und Mitarbeiterin dieser Zeitung ist, auch nicht bestreitet. Dennoch stellt sie im Vorwort fest, wäre es verfehlt, 1919 nur „als ein Jahr des Chaos und der Gewalt“ zu betrachten. Immerhin gab es allerlei Neues in Kunst, Wissenschaft und Technik und neues Denken zuhauf.

          Nicht die Großereignisse geben Tiefe

          Nicht zuletzt war es, siehe oben, ein Jahr der Frauen. In Deutschland, Polen und Österreich durften sie erstmals wählen, in Zürich versammelten sie sich zum Friedenskongress, in Irland hielten sie den Unabhängigkeitskampf in Gang, und in Weimar zogen Luise Zietz, Mari Juchacz und andere in die Nationalversammlung ein. Als Juchacz in ihrer Einstandsrede erklärte, sie schulde den Männern für das Frauenwahlrecht keinen Dank, da sie ihr nur gäben, was ihr sowieso zustünde, vermerkte das Protokoll Zustimmung bei den Sozialdemokraten: „Sehr richtig!“

          Birte Förster: „1919“

          Von der epochalen Hoffnung, die in solchen Momenten aufscheint, will Birte Förster erzählen. Ihr Buch beginnt mit der Landung Woodrow Wilsons in Brest und endet mit Virginia Woolfs lakonischer Abrechnung mit der Nachkriegszeit in „Mrs. Dalloway“. Dazwischen begegnen wir den Räterevolutionären in Bremen, den Streikenden in Barcelona und Glasgow, den Gründern der Kommunistischen Internationale und der Internationalen Arbeitsorganisation, den Unterhändlern in Versailles, den Freikorps im Baltikum, den Opfern der Pogrome in Polen und den Vertriebenen des griechisch-türkischen Krieges.

          Aber es sind nicht die Großereignisse, die dem Buch Farbe und Tiefe geben, sondern die Anekdoten aus der Welt jenseits der Konferenzräume, Fabrikhallen und Schlachtfelder. Am 29. Mai 1919 fotografieren drei Gruppen von Wissenschaftlern auf einer Insel vor der Westküste Afrikas, in Brasilien und in Oxford während einer Sonnenfinsternis das Sternbild Taurus und beweisen mit ihren Aufnahmen die Allgemeine Relativitätstheorie Einsteins. Am 15. Juni landen zwei britische Piloten nach dem ersten Nonstop-Flug über den Atlantik auf einer irischen Wiese. Und am 6. November sendet Hanso Idzerda aus seiner Wohnung in Den Haag das erste öffentliche Radioprogramm.

          Unschärfen und Holprigkeiten

          Stärker als in den Verträgen, Satzungen und Deklarationen, deren Klauseln inzwischen vielfach revidiert wurden oder immer noch zur Revision anstehen, wird im technischen Fortschritt die Unumkehrbarkeit der Geschichte sichtbar. Der Achtstundentag in Italien wurde von Mussolini wieder abgeschafft, die Versailler Ordnung zerbrach nach wenigen Jahren, aber vom Radio führte kein Weg zurück in die Stille der Welt.

          „1919“ ist also ein Buch, das zwischen essayistischem Pastiche und akademischer Forschung, zwischen Illies und Jörn Leonhard steht, und in diesem unscharfen Übergangsbereich macht es eine gute Figur. Nur hat es Birte Förster leider versäumt, ihrem Jahrespanorama den letzten sprachlichen Schliff zu geben. Mehrmals verwechselt sie „nicht weniger“ und „nichts weniger“ („nichts weniger als eine Frauenquote“ ist gar keine Frauenquote).

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          In Osteuropa, erklärt sie, sollte mit den neuen Nationalstaaten „ein Sicherheitskorridor“ geschaffen werden (gemeint ist offenbar ein Sicherheitskordon). Das Zarenreich ist für sie einer „der Hauptstaaten der alten Welt“, den Triumph nationalistischer Ideologien fasst sie so zusammen: „Während des Ersten Weltkriegs hatte sich in ganz Europa der Nationalismus zugespitzt, und diese Empfindung blieb nach dem Kriegsende häufig bestehen.“ Der Krieg selbst schließlich ist in „Mrs.Dalloway“ nicht „durch ein Netz von Anspielungen“ präsent, wie Birte Förster schreibt, sondern leibhaftig in der Person des Veteranen Septimus Smith, der unaufhörlich an seinen gefallenen Freund denken muss.

          Solche Unschärfen und Holprigkeiten stören nicht nur die Lektüre, sie beschädigen auch die Autorität der Verfasserin. Das Schlusskapitel, in dem Birte Förster die Situation von 1919 mit der heutigen Lage vergleicht („wieder werden lange in Europa lebende Familien zu Minderheiten gemacht“), wirkt deshalb schwächer und beliebiger, als es ihre Darstellung verdient hätte. Eine schnelle Überarbeitung des Buches wäre so gesehen mehr als eine Schönheitskorrektur. Sie wäre historisch richtig.

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