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Beck liest die Bibel : Es begab sich aber zu der Zeit

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Rufus Beck Bild: dpa

Rufus Beck gab Harry Potter seine Stimme. Jetzt erscheint ein Hörbuch, in dem er aus der Bibel liest. Geht das ohne Irritationen?

          5 Min.

          Am Anfang war das Wort, und zwar das mündliche. Bevor viele der biblischen Schriften niedergeschrieben wurden, waren ihre Worte und Formeln bereits von Mund zu Mund gegangen, bis sie sich wie Kiesel abgeschliffen hatten. Kennzeichnend ist eine Sprache, die weniger ins Auge fallen als gut ins Ohr gehen soll. Im Ohr ist die Bibel nun wieder angekommen – mit der fast hundertstündigen Komplettlesung von Rufus Beck.

          Lässt man sich die Heilige Schrift, die sonst eher häppchenweise und mit menschenfreundlichen, friedensstiftenden Zitaten zur Anwendung kommt, von Anfang bis Ende vorlesen, lernt man sie anders kennen – in der Monomanie ihrer Motive, in ihrer Theologie der Drohung. Es ist ein Wut-Buch wie kein anderes; die endlosen Rache- und Vernichtungsphantasien können aufs Gemüt schlagen. Man kommt ins Grübeln über die offenbar uralte Neigung der Menschheit, sich an Bildern ihres Untergangs zu ergötzen. Der HERR selbst wirkt wie ein cholerischer, ständig aufbrausender Patriarch, der seine Familie verwirft und niedermacht, um im nächsten Moment seinen Lieblingen wieder über den Kopf zu streicheln. Wer aber meint, das Gottesbild des Alten Testaments sei ein Fall für einen Psychologen, muss damit rechnen, dass er selbst zu jenen gezählt wird, die am Tag des Zorns zertrampelt werden: „Denn siehe, es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen. Da werden alle Verächter und Gottlosen Stroh sein . . . Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit. Und ihr sollt herausgehen und springen wie die Mastkälber. Ihr werdet die Gottlosen zertreten; denn sie sollen Staub unter euren Füßen werden, spricht der HERR Zebaoth.“

          Gründungstext der christlichen Theologie

          Zwar gibt es bereits vollständige Bibel-Lesungen; sie haben aber eher den Charakter akustischer Dienstleistungen in der Manier von Nachrichtensprecherstimmen. Von literarisch ausgewiesenen Vorlesern waren bisher nur Ausschnitte der Bibel zu hören, wenn etwa Christian Brückner die Apokalypse las oder Ben Becker mit erzväterlichem Bass populäre Passagen performte. Nun also Rufus Beck. Ist er die richtige Stimme für die Bibel? Seine Lesung von „Harry Potter“ hat ihn zum Hörbuch-Star gemacht. Es gibt viele Fans dieser Lesung, aber auch nicht wenige, denen Becks Neigung zum Theatralischen und zum Stimmen-Mummenschanz auf die Nerven gehen. Angesichts dieser Tendenz zum Überagieren konnte man befürchten, dass er nun auch den Jesus am Kreuz kreischen, die Psalmen flehen, die Patriarchen poltern und die Propheten mit akustischen Drohgebärden fuchteln lassen würde: eine Spektakel-Bibel. Rufus Beck aber erliegt zum Glück nicht der Versuchung, die Drastik eins zu eins akustisch umzusetzen. Hier nimmt er sich zurück und wahrt eine gewisse Distanz, ohne je gleichgültig zu wirken. Pathos darf und muss sein, aber auch abgedämpft kommen die starken Emotionen des biblischen Textes gut zur Geltung, zumal in der kraftvollen Sprache der revidierten Lutherübersetzung von 2017. Nur manchmal reißt der biblische Furor den Vorleser doch mit, etwa beim Propheten Hesekiel, dessen Bilder der Verdammnis und Hoffnung schlichtweg überwältigend sind.

          El Grecos Darstellung der Geburt Jesu, 1603/05

          Gebannt hört man die großen Erzählungen wie die Geschichte von Josef und seinen Brüdern oder die eine ganze Stunde dauernde Novelle von Judit, der frommen und sehr schönen Witwe aus der belagerten Stadt Betulia. Sie staffiert sich verführerisch aus und wagt sich ins feindliche Heerlager. Dort betört sie Holofernes, den Truppenführer des Königs Nebukadnezar, und wird seine Geliebte. Als Holofernes aber seinen Rausch ausschläft, schlägt sie ihm den Kopf ab, der dann auf die Stadtmauer von Betulia gespießt wird. Die Feinde geraten in Panik und werden von den Israeliten vernichtend geschlagen.

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