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Ronya Othmanns „Die Sommer“ : Alles an ihr irritiert immer alle

Die Schriftstellerin und F.A.S.-Kolumnistin Ronya Othmann Bild: akg-images / Susanne Schleyer

Ronya Othmann, bekannt durch scharfsinnige politische Kolumnen, hat ihren ersten Roman geschrieben: „Die Sommer“ erzählt eindrucksvoll von einer Annäherung an die eigene jesidische Familiengeschichte.

          6 Min.

          „Woher kommt dein Name? Das ist ein arabischer Name, oder?“, fragt in Ronya Othmanns Roman „Die Sommer“ eine Deutschlehrerin in München ihre Schülerin Leyla. Leyla schüttelt den Kopf. „Zum Islam kann uns sicher unsere Leyla etwas erzählen“, sagt die Sozialkundelehrerin und schaut sie erwartungsvoll an. Und als die Mutter ihrer Schulfreundin sie von einer Geburtstagsfeier nach Hause fährt, fragt sie: „Fastet ihr am Ramadan? Ist es nicht schwierig, so zwischen den Kulturen aufzuwachsen? Dein Vater ist sicher streng? Trägt deine Mutter Kopftuch?“ Und wenn Leyla antwortet, nein, wir sind keine Muslime, nein, wir sind keine Araber, nein, wir beten zu Hause nicht und fasten auch nicht an Ramadan, aber ja, meine Oma und meine Tanten tragen Kopftücher, wirft das nur noch mehr Fragen auf. Sagt Leyla, wir sind Jesiden, dann wissen die anderen gar nicht mehr, wovon sie spricht. „Alles an Leyla irritierte immer alle“, heißt es im Roman. „Die Bäckerin im Ort, den Zahnarzt, die Apothekerin, die Lehrerinnen in der Schule.“ Sagt Leyla: „Mein Vater kommt aus Kurdistan“, antworten die Leute: „Kurdistan gibt es nicht.“ Sagt sie: „Mein Vater kommt aus Syrien“, denkt Leyla an ihren Vater und schämt sich.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ronya Othmann wurde 1993 in München geboren, wuchs dort auf und teilt mit Leyla die Irritation, die sie bei anderen auslöst. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater floh als staatenloser jesidischer Kurde 1980 aus Nordostsyrien über die Türkei nach Deutschland. Die Irritation aber ist zugleich ihr Kapital. Aus ihr speisen sich ihr politischer Elan, ihre Produktivität und ihre Wut über die Weigerung vieler, genau hinzusehen. „In Deutschland“, sagt sie, als wir uns diese Woche in Berlin treffen, „bringt man mit Jesiden höchstens Ehrenmorde in Verbindung. Anderes blendet man einfach aus, dabei ist doch alles so nah.“

          Austeilen nach rechts und links

          In der „taz“ hat sie zusammen mit der Künstlerin und Schriftstellerin Cemile Sahin eine Kolumne geschrieben, „Orient Express“, in der sie in einer der letzten Folgen Mitte August an den Völkermord erinnert hat, den Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staats“ vor sechs Jahren verübten, als sie in Shingal einfielen, der inoffiziellen Hauptstadt der jesidischen Minderheit im Irak. „Die Männer und alten Frauen erschossen sie, die Frauen und Kinder nahmen sie mit als Sklavinnen für die Kämpfer des IS. Die Jungen dienten ihnen alle als Kindersoldaten, die Frauen und Mädchen vergewaltigten sie.“ Und das habe auch etwas mit uns in Deutschland zu tun: In Frankfurt steht gerade Taha Al-J. vor Gericht, der angeklagt ist, ein fünf Jahre altes Mädchen und dessen Mutter gekauft und in seinem Haushalt in Falludscha mit seiner Ehefrau, der deutschen IS-Anhängerin Jennifer W., ausgebeutet zu haben. Um sie zu bestrafen, soll er das Mädchen in sengender Hitze ans Fenster gekettet haben, bis es verdurstete. Jennifer W. wird der Prozess am Oberlandesgericht München gemacht.

          Jesiden vor einem Heiligtum in Irak. An der Universität von Dohuk wird ein Trauma-Institut eingerichtet, das Opfern des Islamischen Staates helfen soll.
          Jesiden vor einem Heiligtum in Irak. An der Universität von Dohuk wird ein Trauma-Institut eingerichtet, das Opfern des Islamischen Staates helfen soll. : Bild: dpa

          Ronya Othmanns journalistische Texte sind von beeindruckender Schärfe, und ihre Perspektive ist deshalb so interessant, weil sie im Kampf gegen Ideologisierungen sowohl nach rechts als auch nach links austeilt. Sie ist da, wo „Islamkritik“ als Vorwand für Fremdenfeindlichkeit instrumentalisiert wird, genauso zur Stelle wie dort, wo man Islamismus als „Teil des antikolonialen Widerstands“ relativiert und verharmlost. Wenn unter dem Banner „gemeinsam gegen rechts“ Querfronten gebildet werden, etwa bei dem #Unteilbar-Bündnis, bei welchem der Zentralrat der Muslime (ZMD) Erstunterzeichner war, gehört sie zu denen, die darauf hinweisen, dass zum ZMD unter anderem der Verband der türkischen Kulturvereine in Europa gehört, der den rechtsextremen Grauen Wölfen zugerechnet wird, und das Islamische Zentrum Hamburg, welches dem obersten Geistlichen Irans untersteht.

          Wie eine Wunde, aus der Blut sickert

          2014, als der IS die Menschen in den jesidischen Dörfern im Nordirak überfiel, erzählt sie, hatte sie schon mit der Arbeit an ihrem Roman begonnen und alles Mögliche zusammengetragen, was sie über das Herkunftsdorf ihres Vaters in Syrien in Erinnerung hatte. Jesiden, monotheistisch, aber nicht christlich, gibt es als ethnisch-religiöse Minderheit im Irak, in der Türkei und im Norden Syriens. Und genau dorthin, nach Syrien, war Ronya Othmann – wie im Roman ihre Figur Leyla – jedes Jahr geflogen, um bei ihren Großeltern den Sommer zu verbringen. Nur hatte sie sich lange nicht an diese Sommer erinnert.

          Ronya Othmann beim Wettlesen für den „Ingeborg-Bachmann-Preis 2019“ in Klagenfurt, wo sie den Publikumspreis gewann.
          Ronya Othmann beim Wettlesen für den „Ingeborg-Bachmann-Preis 2019“ in Klagenfurt, wo sie den Publikumspreis gewann. : Bild: ORF

          „Das Erinnern“, so beschreibt sie es in „Die Sommer“, „hatte erst 2011 angefangen. Obwohl, nein, eher bald danach. 2011 war noch das Jahr der Revolution gewesen, voller Nachrichten und Erwartungen, eine goldene Zukunft steht uns bevor, die Freiheit, die Demokratie, die Menschenrechte.“ Das Erinnern begann nach dem Arabischen Frühling „mit den Massakern, den Bombardierungen, der Zerstörung, begleitete die Zerstörung, folgte auf sie. Nach jedem Schock kam Trauer, um gleich darauf vom nächsten Schock wieder fortgespült zu werden. Alles nahm kein Ende. Und die Erinnerungen breiteten sich immer weiter aus, nahmen überhand, waren nicht mehr aufzuhalten. Wie eine Wunde, dachte Leyla, aus der Blut sickert.“

          Die Truthähne sind zu leicht für die Minen

          So beginnt sie den Roman, der ihr erster ist und der mit so großer Souveränität daherkommt, dass er wie ein Debüt beim Lesen gar nicht anmutet, mit diesen Sommern „im Land des Vaters“, im Dorf, wo das Mädchen der Großmutter den ganzen Tag auf den Fersen ist, neben ihren wie aneinandergereihten Cousinen und Cousins auf dem Hochbett schläft, bei der Tabakernte hilft – all das in einer sich vortastenden Sprache, die der angriffslustigen Schärfe ihrer journalistischen Texte beinahe entgegengesetzt ist. Beim literarischen Schreiben, sagt sie, seien ihr sinnliche Details wichtig: „Aus welchem Material die Matratzen waren, auf denen man im Sommer geschlafen hat. Wie es dort riecht. Man kann eine Welt auferstehen lassen. Im Jesidentum ist ja alles mündlich überliefert, es gibt kein Buch, in der Großelterngeneration sind fast alle Analphabeten, die Geschichten sterben, wenn die Leute sterben. Und Literatur kann diese Geschichten transportieren, damit sie nicht verlorengehen. Auch wenn im Roman einer als Spitzel für Assad tätig ist, kann ich literarisch die Verstrickungen viel besser erzählen als in einem journalistischen Text. Ich kann erzählen, was es bedeutet, wenn Leylas Onkel, den sie eigentlich mag, vorgeworfen wird, ein Spitzel zu sein, und welche Schwierigkeiten sie hat, sich dazu zu verhalten.“

          Die mündliche Tradition lässt sie in „Die Sommer“ auch einfließen, indem sie die Erinnerungen des Mädchens an ihre Kindheitsferien in Syrien mit dem verbindet, was ihr Vater Leyla über seine Vergangenheit erzählt. Was auf diese Weise entsteht, ist, anhand des Dorfes Tel Khatoun, die politische Geschichte einer Grenzregion. Nachts, sagt der Vater, seien früher oft Leute in Richtung Türkei über die Grenze gegangen. Sie hatten Familie und Freunde auf der anderen Seite und trieben Handel. Doch lag zwischen ihnen ein Minenfeld aus Personenminen und Panzerminen. Explodierte eine Mine, hörte man es im Dorf; Tote, die in den Erzählungen des Vaters Kreuzchen auf einer Papierserviette sind. Nur die Truthähne des Nachbarn waren zu leicht für die Minen und verabschiedeten sich (eine sehr lustige Szene) vor den Augen ihres fassungslosen Besitzers für immer in die Türkei.

          Die Spuren der Gewalt

          Leyla weiß von der Drohung, verstoßen zu werden, wenn man außerhalb der jesidischen Gemeinde heiratet, und hat Glück, dass sie nur im Sommer da ist. Ein Nachbar hat sie schon für seinen Sohn im Auge. Sie wird zur genauen Beobachterin der arrangierten Ehe ihrer Tante und weiß, dass noch ein ganz anderer Mann sie im Auge hat: Als sie mit den anderen Kindern ein einziges Mal mit in die Dorfschule geht, wo es keine Stühle und Tische gibt, wo die Kinder die Kohle für die Heizung von Zuhause mitbringen müssen – hängt in jedem dieser leeren Zimmer ein Bild des Präsidenten. „Der Präsident“, heißt es im Roman, „hatte seine Augen überall, und Leyla fürchtete seinen Blick, wenn sie ihm begegnete. Die Augen des Präsidenten konnten sehen, was sie dachte und was man in der Familie über ihn erzählte, glaubte sie.“ Baschar al Assad, hatte ihr Vater ihr gesagt, habe seine Augen sogar dort, wo man sie nicht sehe. Seine Augen seien Leute, von denen man genau das nicht vermute. Niemandem im Land könne man trauen.

          Ronya Othmann: „Die Sommer“. Hanser Verlag, 288 Seiten, 22 €.
          Ronya Othmann: „Die Sommer“. Hanser Verlag, 288 Seiten, 22 €. : Bild: Hanser Verlag

          Dass der Vater von der Geheimpolizei vorgeladen wurde und dies mit den Aussagen des Onkels Hussein zu tun hatte, erzählt Leylas Vater ihr erst in Deutschland. Dort zeigt er ihr auch die Narben aus dem türkischen Gefängnis, wo er mit Stromkabeln geschlagen wurde und Zigaretten auf seinem Arm ausgedrückt wurden. Die Flucht des Vaters aus Syrien über die Türkei und die Spuren der Gewalt, die sie hinterlässt, gehört zu den eindrucksvollsten Passagen des Buchs. „Bist du Türkin?“, fragt in München Emre aus ihrer Klasse Leyla. Und Leyla denkt an die Narben des Vaters und schüttelt den Kopf.

          In München interessieren sich ihre Freundinnen und die Menschen in ihrer Umgebung nicht wirklich für den Krieg in Syrien, stellen niemals Fragen, auch nicht nach Leylas Verwandten, während zu Hause ununterbrochen arabisches Fernsehen läuft. Und genau das führt bei Leyla zu einer Entfremdung, die über die Erinnerungen und die Erzählungen des Vaters mit einer Aneignung der Geschichte derer, die dort im Krieg sind, einhergeht. Das ist der Kunstgriff von „Die Sommer“. Denn nicht nur sie kommt dem syrischen Teil ihrer Familie so immer näher. Wir tun es auch.

          Ronya Othmann studiert am Literaturinstitut in Leipzig, wo sie auch lebt. Sie wolle ihr Studium auf jeden Fall noch zu Ende bringen, erzählt sie. Sie müsse nur noch ihre Masterarbeit schreiben. „Und was wird das für eine Masterarbeit?“ Sie müsse einen Roman schreiben. Aber sie habe doch gerade einen Roman geschrieben! „Ja, aber es muss einer sein, der noch nicht veröffentlicht ist.“ Ronya Othmann kann sich jetzt also an die Arbeit an ihrem zweiten Roman machen. Wer diesen ersten liest, wird „Die Sommer“ im Nordosten Syriens sicher nicht vergessen.

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