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Roman über Reemtsma-Entführung : Spiel doch mal was!

Der Autor und Musiker Johann Scheerer beschreibt in seinem Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ schnörkellos, aber in einer hypersensiblen Betrachtungsweise den Zeitraum der Entführung seines Vaters. Bild: Max Hartmann

Johann Scheerer hat ein Buch über die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma geschrieben: „Wir sind dann wohl die Angehörigen“. Man spürt sofort, dass hier jemand etwas von Sound versteht.

          6 Min.

          Ein Junge wartet. Er wartet darauf, dass endlich etwas passiert. Er geht durchs Haus in die Küche zum Kühlschrank und sucht nach etwas Essbarem. Der Kühlschrank ist gefüllt, aber er findet nichts, worauf er Lust hat. Er geht hinaus auf den Balkon, auf dem rauchend Joachim, der Anwalt seines Vaters, steht, lehnt sich mit den Unterarmen aufs Geländer und schaut auf die Liegestühle im Garten, die eine für ihn unvorstellbar gewordene Welt der entspannten Ruhe verkörpern.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Neben ihm auf einem Tisch steht eine Packung mit 24 Eiern, die offenbar nicht mehr in den Kühlschrank gepasst hat. Er öffnet die Schachtel, nimmt ein Ei heraus, hält es einen Moment in der Hand, wiegt es auf und ab und genießt die rauhe Kühle der Schale. Er bildet sich ein, das Eigelb im Eiweiß durch seine wiegenden Bewegungen in eine bestimmte Richtung bringen zu können. Dann holt er aus und schmettert es mit voller Wucht auf einen der Gartenstühle. Das Ei zerbirst, und die glibbrige Masse spritzt über Stuhl und Rasen. Langsam dreht er sich um. Der Anwalt sieht ihn mit großen Augen an. Er sagt kein Wort, drückt die Zigarette im Aschenbecher auf dem Tisch aus, greift in den Eierkarton, nimmt ein Ei, lächelt den Jungen an, holt aus und schmeißt es ebenfalls auf einen der Stühle. Nach zwei Minuten ist die Packung leer.

          „Ich ging an ihm vorbei ins Haus“, schreibt Johann Scheerer, „mit der Gewissheit, dass wieder ein paar Minuten vergangen waren.“

          Es kommt anders

          Johann Scheerer ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma, dem Germanisten und Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Er war dreizehn Jahre alt, als sein Vater am 25. März 1996 auf seinem Grundstück in Hamburg-Blankenese entführt und 33 Tage in einem Keller festgehalten wurde. Reemtsma veröffentlichte 1997 das Buch „Im Keller“ über diese Entführung und über seine Gefangenschaft. Einen „zerstörerischen Einbruch“, eine „Vergewaltigung“ und „Exterritorialität“ nannte er den Keller, der in seinem Leben bleiben werde und doch nicht zu einem Teil des Lebens zu machen sei. Und wenn jetzt, knapp zwanzig Jahre später, der Sohn seine Version dieser 33 Tage erzählt – „Wir sind dann wohl die Angehörigen: Die Geschichte einer Entführung“, heißt das Buch, das am Donnerstag erscheint –, dann könnte man glauben, schon zu wissen, worum es geht; eine bekannte Geschichte, die nun aus der anderen Perspektive erzählt würde, aus der der Wartenden.

          Doch passiert dann etwas völlig anderes. Denn hier betritt eine neue und sofort unwiderstehliche Stimme die literarische Bühne. „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ ist natürlich kein Roman, es ist die Erinnerung an eine wahre Geschichte. Aber die Sprache, in der Johann Scheerer erzählt, hat von den ersten Zeilen an den Überschuss, den man nur in der Literatur findet. Seine Sätze sind kurz, schnörkellos, reduziert auf das Wesentliche; sein Ton unsentimental, seine Betrachtungsweise hypersensibel. Und so gelingt es ihm, eine Ebene des Erzählens zu finden, die mit scheinbarer Beiläufigkeit einen ganzen Resonanzraum von Bedeutungen zum Klingen bringt. Johann Scheerer ist jetzt 35 Jahre alt, eigentlich Musiker und Produzent. Er gründete 2003 das Tonstudio Rekordbox, zwei Jahre später Clouds Hill Recordings. Seine erste Gitarre, das spielt im Buch eine Rolle, schenkte seine Mutter ihm zu Ostern während der Tage der Entführung, eine rote Gibson ES-335 in einem hellbraunen Koffer mit innen rosafarbenem Fell. Man fängt zu lesen an und spürt sofort, dass hier jemand vom Sound etwas versteht.

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