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Mein erstes Mal : Schelmenporträt in vielen Zungen

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Es geht satirisch, aber heftig zu in „Tom Jones“: Kupferstich von 1749 nach einer Zeichnung von Hubert Gravelot Bild: akg-images

Böser Blick auf die eigene Gegenwart: Was macht Henry Fieldings 1749 erschienenen Roman „Tom Jones“ so ungewöhnlich? Unser Gastautor kennt die Antwort.

          Wie lange muss uns ein ungelesenes Buch vom Regal her anschauen, bevor wir es in die Hand nehmen und lesen? Und dann gleich vier Bände mit insgesamt tausend Seiten? Was Henry Fieldings Roman „Tom Jones“, die „Geschichte eines Findlings“, und mich angeht – bedenklich lange.

          Dabei hatte ich früh Henry Fielding, den satirisch veranlagten Juristen, schätzen gelernt. Lange las ich um „Tom Jones“ herum. Fieldings Erstling „Joseph Andrews“ gehörte zum Lektürekanon meines Englischstudiums am University College in London; sein skurriler Bericht über „Eine Reise von dieser Welt in die nächste“ war das erste und bislang letzte Totenselbstgespräch, das ich gelesen hatte; und Fieldings journalistische Schriften vertraute mir diese Zeitung 1991 zur Besprechung an. Ohnedies gehört sein Essay über Nichts zum Wesentlichsten, was über das Vorhandensein des Nichtvorhandenen gesagt werden kann, hatte Fielding damit doch versucht, Shakespeares King Lear zu widerlegen: „Nichts kann aus Nichts entstehen.“

          Neuerlicher Besuch im Londoner Findlingsmuseum

          Dann kam das Fielding-Jahr 2007. Man beging es zwar in England weniger üppig als jüngst jenes der Jane Austen. Doch Fielding in seinem dreihundertsten Jahr, das schien durchaus „buchenswert“. Und wieder lag mir nichts näher als der Griff nach Fieldings großem Bildungsroman, dem englischen Gegenstück zu Rousseaus „Émile“, der übrigens dreizehn Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Tom Jones“ (1749) erschien, ohne jedoch auch nur über einen Bruchteil jenes Humors zu verfügen, den Fieldings Meisterwerk auszeichnet. Aber 2007 erbrachte dann doch wieder nur die abermalige Lektüre von Laurence Sternes „Tristram Shandy“, dem ewigen Favoriten unter Liebhabern exaltierter Lebensphantasien.

          Man spielt nur zu gerne Fielding und Sterne gegeneinander aus und würzt dieses Spiel dann noch mit den satirischen Unnachahmlichkeiten Jonathan Swifts, dessen „Tonnenmärchen“ etwa oder Episoden aus „Gullivers Reisen“, aus denen sich lernen lässt, dass der Mensch kein vernünftiges Geschöpf ist, sondern nur ein Wesen, das zur Vernunft fähig ist. Und dann ist da noch Samuel Richardson, den Fielding für seinen großen Widersacher hielt und vor allem dessen großen (später übrigens von Kleist geschätzten) Briefroman „Clarissa“ als Gegenfolie zu seinem „Tom Jones“ nutzte. Richardson sah sich selbst als Moralisten; Fielding wollte nachsichtiger Humanist bleiben, der mit William Hogarth und dessen Illustrationen des Menschlich-Allzumenschlichen mehr gemein hatte als mit der Moralapostelei seiner puritanischen Zeitgenossen.

          Was nun meine „Tom Jones“-Lektüre letztlich ausgelöst hat, war ein neuerlicher Besuch im Londoner Findlingsmuseum der Thomas Coram Foundation in St.Pancras. Findlinge – gestrandete, verlassene, streunende Kinder – gehörten in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts zum Stadtbild der englischen Metropole. Mit königlichem Privileg ausgestattet, konnte Coram 1739 die Pforten seines Findlingsheims öffnen, und damit genau zehn Jahre vor dem Erscheinen von Fieldings Findlingsgeschichte. Georg Friedrich Händel stiftete beträchtliche Beträge, gleichfalls William Hogarth und noch ein Jahrhundert später auch Charles Dickens.

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